Arbeitslosenzahl unerwartet gesunken
Härtere Gangart der Arbeitsämter wirkt

Florian Gerster hat den Rückgang der Arbeitslosenzahlen im August mit verstärkten Bemühungen der Arbeitsämter zur Aktivierung der Arbeitslosen begründet. Das bedeutet: Die härtere Gangart der Arbeitsämter gegenüber Erwerbslosen hat im August die Arbeitslosigkeit in Deutschland sinken lassen. Gleichwohl bleibt die Belastung des Arbeitsmarktes durch die gesamtwirtschaftliche Schwäche hoch. Das Ifo-Institut sieht keineswege eine Trendwende am Arbeitsmarkt.

HB NÜRNBERG. Der Aufschwung am Arbeitsmarkt wird nach Einschätzung der Bundesanstalt für Arbeit (BA) trotz einer leichten Besserung im August bis Mitte kommenden Jahres auf sich warten lassen. Eine echte Belebung des Arbeitsmarkts werde es nicht vor dem zweiten Quartal 2004 geben, sagte BA-Vorstandschef Florian Gerster am Donnerstag in Nürnberg bei der Vorlage der Statistik.

„Man muss schon sagen Mitte nächsten Jahres“, fügte er hinzu. Im August ging die Arbeitslosenzahl im Vergleich zum Juli stärker als für die Jahreszeit üblich um 37 800 auf 4,314 Mill. zurück. Das waren 296 000 Arbeitslose mehr als vor einem Jahr. Saisonbereinigt stieg die Arbeitslosigkeit entgegen den Erwartungen von Experten nicht weiter an.

Auch die Lage auf dem Ausbildungsmarkt blieb angespannt. Die Lehrstellenlücke sei beträchtlich größer als vor einem Jahr. Ende August habe es 113 000 mehr unvermittelte Bewerber gegeben als offene Ausbildungsstellen.

Gerster: Fünf Millionen-Grenze wird nicht erreicht

Gerster zeigte sich zuversichtlich, dass die Schwelle von 5 Mill. Arbeitslosen auch im Winter nicht überschritten werde. Davon könne man ausgehen, „wenn es keinen superharten Winter gibt“. Die von ihm für das zweite Vierteljahr 2004 erwartete Arbeitsmarktbelebung werde langsam einsetzen. „Die wird dann nicht sofort in einer nennenswerten Zahl zu Buche schlagen“, sagte der BA-Vorstandschef.

Eine konjunkturelle Besserung auf dem Arbeitsmarkt ist laut BA nicht in Sicht. Die „stagnative Grundtendenz“ habe angehalten. „Die in letzter Zeit vergleichsweise günstige Tendenz der saisonbereinigten Arbeitslosenzahl beruht weiterhin vor allem auf verstärkten Bemühungen zur Aktivierung von Arbeitslosen in Verbindung mit den Reformgesetzen am Arbeitsmarkt“, erklärte Gerster. Die saisonbereinigte Zahl war im Juli leicht um 7000 gestiegen, in den beiden Vormonaten aber deutlich gesunken. Durch den höheren Druck der Arbeitsämter melden sich viele Arbeitslose ab. Zudem wird die Statistik durch Existenzgründungen und Zeitarbeit von Arbeitslosen entlastet.

Seit Jahresanfang machten sich knapp 51 200 Arbeitslose mit Hilfe von Zuschüssen der BA als so genannte Ich-AG selbstständig. Gerster sprach von einem „überraschenden Erfolg“. Zugleich warnte er davor, die neuen Personal-Service-Agenturen (PSA) bereits als gescheitert zu betrachten. Diese hätten inzwischen etwa 500 Arbeitslose über Zeitarbeit in einen festen Job vermittelt. Insgesamt seien derzeit 14 700 bislang Arbeitslose bei einer der rund 820 PSA beschäftigt. Sie fallen damit aus der Statistik. Ich-AG und PSA waren mit den Hartz-Gesetzen eingeführt worden.

Zur Höhe des voraussichtlichen Bundeszuschusses zur BA in diesem Jahr wollte sich der BA-Vorstand nicht äußern. Das bisher genannte Defizit von 6,5 bis 7,5 Mrd. € sei eine reine Rechengröße und keine Prognose. Bis Ende August habe die BA knapp 5,4 Mrd. € mehr ausgegeben als eingenommen.

Experten: Statistische Bereinigung

Die saisonbereinigte Arbeitslosenquote blieb im Monatsvergleich unverändert bei 10,6 %. Bereinigt waren laut BA im August 4,407 Mill. Menschen arbeitslos. Ein saisonbereinigter Anstieg um 5000 im Westen sei von einem Rückgang in gleicher Höhe im Osten ausgeglichen worden. Von Reuters befragte Experten hatten im Schnitt einen bundesweiten Anstieg um 14 000 Erwerbslose erwartet.

Banken-Volkswirte zeigten sich dennoch in ihren Erwartungen weitgehend bestätigt. Jan-Paul Ritscher von der HSH Nordbank sagte: „Wir sehen, dass der Arbeitsmarkt aus dem Gröbsten heraus ist.“ Mit Beginn des Jahres 2004 sollte es am Arbeitsmarkt aufwärts gehen. Ulla Lahl von der Mizuho Corporate Bank sagte, die Daten seien „noch kein erster Effekt einer wirtschaftlichen Erholung“. Eine fundamentale Verbesserung sei bis zur zweiten Jahreshälfte 2004 nicht in Sicht.

Clement: Signale für Aufschwung mehren sich

Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) sieht zunehmende Anzeichen für eine bevorstehende Belebung der Wirtschaft, die sich mit einem Zeitverzug positiv auf den Arbeitsmarkt auswirken werde.

„Derzeit mehren sich die Signale, dass die Konjunktur langsam wieder Fahrt aufnimmt“, erklärte Clement am Donnerstag als Reaktion auf die Veröffentlichung der Arbeitslosenzahlen für August. Dies werde mit einem Zeitverzug von einigen Monaten auch die Entwicklung am Arbeitsmarkt positiv beeinflussen. Sorge bereite ihm noch die Lage am Ausbildungsmarkt. Clement äußerte die Erwartung, dass die Ausbildungslücke noch in diesem Jahr geschlossen werde.

Ifo sieht noch keine Trendwende

Die leichte Entspannung am Arbeitsmarkt im August bedeutet nach Einschätzung des Münchner IfoInstituts noch keine Trendwende. „Das ist keine wirklich positive Überraschung, sondern genau die saisonale Abnahme, die man von Juli auf August erwarten würde“, sagte Ifo-Arbeitsmarktexperte Martin Werding der Nachrichtenagentur dpa in München.

Der Stimmungsaufschwung in der deutschen Wirtschaft, der sich kürzlich im vierten Anstieg des Ifo-Geschäftsklimaindex in Folge niedergeschlagen hatte, ist damit nach Ansicht Werdings noch nicht am Arbeitsmarkt angekommen. „Das ist keine konjunkturelle Belebung und kein struktureller Abbau von Arbeitslosigkeit.“ Die Aussagen von BA-Chef Florian Gerster, der den Rückgang vor allem auf verstärkte Bemühungen zur Aktivierung von Arbeitslosen zurückgeführt hatte, stimmten nach seiner Einschätzung nur zum Teil. „Ein Teil der Arbeitslosen ist lediglich aus der Statistik verschwunden, ohne aber wirklich in die Erwerbstätigkeit gegangen zu sein.“

Zum Abbau der Arbeitslosigkeit seien weitere Reformschritte notwendig. „Da müssen wir noch draufsatteln“, sagte Werding. Konzepte wie die Ich-AG oder Minijobs reichten nicht aus, um gering Qualifizierte im Arbeitsmarkt zu integrieren, vielmehr müsse der Schwerpunkt auf „Fördern und Fordern“ gelegt werden, sagte Werding. Dazu gehörten beispielsweise Leistungskürzungen für arbeitsunwillige Sozialhilfeempfänger und ähnliche Maßnahmen.

Die erwartete Konjunkturbelebung werde sich erst ab Mitte kommenden Jahres auf den Arbeitsmarkt auswirken, sagte der Experte. Noch sei offen, ob zum Ende dieses Jahres die 5-Millionen-Marke überschritten werde, auf die durchschnittliche Erwerbslosenzahl von voraussichtlich 4,4 Mill. werde dies aber nur wenig Einfluss haben.

Im Branchenvergleich werde sich die erwartete Konjunkturbelebung mit steigenden Beschäftigtenzahlen am frühesten in der Industrie bemerkbar machen. Darauf weise auch eine allmähliche Verbesserung der Auftragslage in den Betrieben hin. „Was die Sockelarbeitslosigkeit betrifft, sehen wir im längerfristigen Trend die stärkste Nachfrage im Dienstleistungsbereich“, sagte der Ifo-Experte.

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