Arbeitslosenzahlen
Aufschwung geht an Behinderten vorbei

Wenn wegen Werksferien in vielen Firmen die Arbeit ruht, haben Jobsucher schlechte Karten. Das Ende des Job-Booms markiere das aber nicht, betonen Experten. Behinderte profitierten jedoch nicht von dem Trend.
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Nürnberg/BerlinMit der Sommerflaute hat der Jobaufschwung leicht an Tempo verloren - Experten rechnen daher für den Juli wieder mit 2,94 Millionen Arbeitslosen. Das wären rund 45 000 mehr als im Juni, aber rund 250 000 weniger als vor einem Jahr, schätzten von dpa befragte Volkswirte deutscher Großbanken in einer Umfrage.

Der monatsbezogene Anstieg würde damit etwa so hoch ausfallen wie im Schnitt der vergangenen drei Jahre. Die offiziellen Juli-Zahlen will die Bundesagentur für Arbeit (BA) an diesem Donnerstag in Nürnberg bekanntgeben. Die saisonale Sonderentwicklung dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Arbeitsmarkt in der Bundesrepublik weiter in guter Verfassung sei, betonten die Volkswirte. Die Griechenland- Krise wirke sich hier bislang kaum aus. Die deutsche Konjunktur hänge eher vom Zustand der Volkswirtschaften in China und den USA ab.

Etwas abgeschwächt hat sich im Juli auch die Nachfrage deutscher Unternehmen nach Arbeitskräften; dennoch bewege sich die Zahl der offenen Stellen weiterhin auf hohem Niveau, berichtete die BA am Mittwoch bei der Veröffentlichung ihres neuesten Beschäftigungsindexes BA-X. Der entsprechende Indikator sank im Juli um drei auf 163 Punkte. Im Juli vor einem Jahre hatte der BA-X noch um 22 Punkte niedriger gelegen.

Für den Commerzbank-Volkswirt Ralph Solveen stellt ein Anstieg der Arbeitslosigkeit im Juli nichts anderes als die normale Sommerentwicklung dar. „Viele Jugendliche beenden im Frühsommer ihre Ausbildung. Manche werden nicht übernommen und melden sich erst einmal arbeitslos.“ Zudem zögerten Unternehmen vor den Werksferien mit der Einstellung neuer Mitarbeiter; viele warteten damit erst einmal bis September ab. Auch für die kommenden Monate rechnen die Volkswirte mit einem weiteren Rückgang der Arbeitslosenzahlen.

Nach Prognosen von Allianz-Volkswirt Rolf Schneider könnten sie nach einem saisonbedingten Anstieg während der Sommermonate im Herbst bis auf 2,7 Millionen sinken. Daran änderten auch die Griechenland-Turbulenzen nichts: „Ich glaube nicht, dass sich die deutsche Konjunktur deswegen so stark verlangsamt“, sagte Schneider. Folglich sei mindestens bis zum Jahresende mit einem robusten Arbeitsmarkt zu rechnen.

Im Juni war die Zahl der als arbeitslos gemeldeten Menschen um 67.000 auf 2,893 Millionen gesunken. Die Arbeitslosenquote hatte sich um 0,1 Prozentpunkte auf 6,9 Prozent verringert.

Der Aufschwung auf dem Arbeitsmarkt geht aber nach den Worten des Behinderten-Beauftragten der Bundesregierung komplett an den Schwerbehinderten vorbei. Die Unternehmen müssten gezielter gefördert werden, um mehr Arbeitsplätze für Menschen mit Schwerbehinderung zu schaffen, forderte Hubert Hüppe (CDU) im Gespräch mit der „Financial Times Deutschland“.

Nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit sei die Zahl der Arbeitslosen mit schwerer Behinderung in den letzten drei Jahren um zehn Prozent angestiegen. Gleichzeitig sank die Zahl der Arbeitslosen insgesamt. „Es darf uns nicht zufriedenstellen, dass die Tendenzen so gegenläufig sind“, sagte Hüppe.

Seit Jahren zahlten etwa zwei Drittel der privaten Arbeitgeber lieber eine festgelegte Ausgleichszahlung, als die vorgeschriebene Anzahl von Arbeitsplätzen für Behinderte zu erfüllen. Hüppe nannte diesen Anteil erschreckend hoch. Die Abgabe müssen Arbeitgeber mit 20 und mehr Beschäftigten entrichten, wenn sie nicht mindestens 5 Prozent ihrer Stellen mit schwerbehinderten Menschen besetzen.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
Agentur
dapd 
DAPD Deutscher Auslands-Depeschendienst GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Es sind nicht die Auszubildenden, es sind die Leiharbeiter, die sich während der Werksferien arbeitslos melden müssen! So belasten sie die Sozialkassen, während ihre Arbeitgeber sich über die Gewinne freuen.

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