Arbeitslosigkeit steig
Bundesagentur sieht keine Trendwende

Das schwächere Wachstum der deutschen Wirtschaft schlägt sich in den Arbeitslosenzahlen nieder. Im August stieg die Zahl der Erwerbslosen stärker an als für den Ferienmonat üblich. Der Abstand zum Vorjahr wird geringer.
  • 2

NürnbergDurch die Abschwächung der Konjunktur in Deutschland verliert zusehends auch der Arbeitsmarkt an Schwung. Die Arbeitslosenzahl stieg im August um 29.000 und damit stärker, als für den Sommer- und Ferienmonat üblich. Insgesamt waren 2,905 Millionen Menschen arbeitslos, wie die Bundesagentur für Arbeit (BA) am Donnerstag in Nürnberg mitteilte. Noch weniger waren es in einem August zuletzt 1991. Für das zweite Halbjahr dämpfte BA-Chef Frank-Jürgen Weise die Erwartungen. Rückgänge der Arbeitslosigkeit über die übliche Herbstbelebung hinaus werde es nicht mehr geben. "Die gute Entwicklung lässt nach, und wenn man alles zusammenaddiert, ist eine Seitwärtsbewegung zu erwarten", sagte Weise. Einen Einbruch des Arbeitsmarkts erwartet er aber nicht.

Saisonbereinigt stieg die Arbeitslosigkeit um 9000 und damit den fünften Monat in Folge. Auch die Arbeitskräftenachfrage lässt nach, wenn auch auf hohem Niveau. Allein der dritte wichtige Indikator, die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, legt laut BA-Zahlen noch zu. "Das Wachstum von sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung hält an, verliert aber an Schwung", sagte Weise. "Insgesamt entwickeln sich die wesentlichen Arbeitsmarktindikatoren zunehmend schwächer."

Ausschlaggebend sind laut BA das "geringere Wachstum der deutschen Wirtschaft", aber auch weniger Fördermaßnahmen, durch die Arbeitslose zeitweise aus der Statistik fallen. "Es wird keine Verbesserung in dem Maße geben, wie wir das im ersten Halbjahr hatten", sagte Weise. Das sei aber keine Wende zum Schlechten. "Es ist keine Trendwende", betonte Weise. "Die gute Entwicklung verliert an Dynamik. Es kann immer noch einen Aufbau von Beschäftigung geben, oder es bleibt auf hohem Niveau."

Für August ist es typisch, dass die Arbeitslosenzahl stagniert, weil Betriebe mit Neueinstellungen bis zum Ende der Sommerpause warten. Üblich war im Durchschnitt eine Zunahme um nur 3500. In den vergangenen Monaten hatte sich die Arbeitslosigkeit bereits schlechter entwickelt als im Jahresmuster üblich. Der Abstand zum Vorjahr wird daher von Monat zu Monat geringer. Im August gab es noch 40.000 Arbeitslose weniger als vor einem Jahr.

In der Ankündigung von Kurzarbeit durch einzelne Unternehmen wie Opel sieht die BA keine Vorboten einer generellen Verschlechterung. Aktuell seien etwa 65.000 Beschäftigte konjunkturell bedingt durch Auftragsflaute in ihren Betrieben in der Zwangspause, sagte BA-Vorstandsmitglied Raimund Becker. Im August hinzugekommen seien Anzeigen bevorstehender Kurzarbeit für 15.000 bis 20.000 Beschäftigte. Das sei normal. "Von dieser Faktenlage her momentan keine Gefahr", sagte Becker.

Die Zahl der in Deutschland Erwerbstätigen lag im Juli laut Statistischem Bundesamt mit 41,68 Millionen um 469.000 höher als vor einem Jahr. Sozialversicherungspflichtig beschäftigt waren im Juni nach BA-Hochrechnungen 28,93 Millionen Menschen. Das waren 546.000 mehr als vor Jahresfrist.

Volkswirte bei den Banken teilten die Einschätzung der BA, dass der Arbeitsmarkt an Dynamik verliere. Im europäischen Vergleich stehe der Deutschland aber noch recht gut da, sagte Peter Meister von der BHF-Bank. Spätestens im vierten Quartal aber werde die Arbeitslosigkeit im Vorjahresvergleich zulegen.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Arbeitslosigkeit steig: Bundesagentur sieht keine Trendwende"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • EU-weites Sparen. Was soll da anderes bei rumkommen. Staaten können fast nur bei Personalkosten sparen. Das heißt: Es wird weniger gekauft. Mit der Binnenkonjunktur gehts bergab. Und für Export-Abhängige auch dort.
    Aber das wird in Deutschland von (Un)Sinn Weidmann und Co. nicht verstanden. Oder billigend in Kauf genommen. Was man gelernt hat, hat man gelernt. Und alles Andere ist falsch.
    Da gibts ein von über 90 Professoren unterzeichnetes "Memorandum besorgter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler" bezüglich der in Deutschland gelehrten Wirtschaftswissenschaften. Darin wird bezweifelt, daß es sich in der derzeitigen Ausgestaltung noch um eine Wissenschaft handelt. (Eine Wissenschaft, die mit der Reflexion ihrer eigenen paradigmatischen, einschließlich ihrer normativen Grundlagen abgeschlossen hat, ist nur mehr der Form nach eine Wissenschaft.)
    "...Bereits seit über zehn Jahren wird vor allem von Studierenden die Realitätsferne der volkswirtschaftlichen Theoriearbeit kritisiert, die durch ihre Mathematisierung vergessen lässt, dass die Wirtschaftswissenschaften nicht den Natur-, sondern den Geistes- und Sozialwissenschaften zuzurechnen sind."

  • Täglich grüßt das Murmeltier!
    In der Realität ist die Zahl der Arbeitslosen deutlich höher. Für die Statistik sehr vorteilhaft, daß viele reale Arbeitslosen einfach rausfallen. Würden die realen Zahlen nicht nur dem Interessierten zugänglich gemacht, gäbe es eine kleine Revolte.
    Schon im alten Rom machte ein Senator den Vorschlag, alle Sklaven zu kennzeichnen. Daraufhin sagte ein anderer Senator: Das lassen wir besser! Wenn die wissen wie viele sie sind, gibt es einen Aufstand!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%