Arbeitsmarkt
Bayern sucht den „Schaffensdrang“

Mit einem gewagten Anlauf wollen der Verband der bayerischen Wirtschaft VBW und das Institut für Wirtschaftspolitik an der Universität Köln Langzeitarbeitslose zurück in den Arbeitsmarkt bringen. Empfänger von Arbeitslosengeld oder anderer Sozialleistungen sollen dafür freiwillig und ohne zusätzliche Bezahlung ihre Tätigkeit in Unternehmen oder öffentlichen Einrichtungen zur Verfügung stellen.

cha MÜNCHEN. VBW und Kölner Ökonomen haben dem Ganzen den Namen „Schaffensdrang“ verliehen. Was nach Sozialromantik klingt, ist ein ernst gemeinter Vorschlag, entwickelt hat das Projekt der Kölner Wirtschaftswissenschaftler Steffen Roth. Es richtet sich an diejenigen Arbeitslosen, die zusammengefasst als „geringproduktive Arbeitssuchende“ gelten. Sie sind auf Grund des Strukturwandels oder technischen Fortschritts nicht genügend produktiv, um die hohen Kosten ihrer Beschäftigung zu decken. Roths Lösungsansatz: Die Arbeitsagenturen vermitteln arbeitswillige Leistungsempfänger an die Wirtschaft. Die Unternehmen zahlen dafür eine Überlassungsgebühr an die Arbeitsagentur, die den Teilnehmern wiederum eine Aufwandsentschädigung zahlt. Weiterer Mehrverdienst ist für die Teilnehmer nicht möglich.

Roth ist sich sicher, dass sich genügend Bewerber für solche Jobs finden, zudem entstehe dabei bald ein „marktgerechter Preis“ für diese Arbeit und damit überhaupt ein neuer Arbeitsmarkt für geringer produktive Jobs. Randolf Rodenstock, Präsident des VBW, präsentierte das Konzept am gestrigen Dienstag am Rande einer Tagung in München, die sich mit den Rezepten gegen Langzeitarbeitslosigkeit beschäftigte.

Während Rodenstock Mindest- und auch Kombilohn-Modell und „Schaffensdrang“ als eigenwilliges, aber zukunftsweisendes Konzept verteidigte, ging die bayerische Sozialministerin Christa Stewens (CSU) auf Distanz. „Schaffensdrang“ gehe an der schwierigen Realität am Arbeitsmarkt vorbei. Eines der größten Probleme für die Wiedereingliederung von Langzeitarbeitslosen sei die Tatsache, dass Bezieher von Arbeitslosengeld II mit einem Zusatzverdienst aus Schwarzarbeit sich finanziell sehr gut stellen könnten. Für sie müsse der Grundsatz gelten, dass der, der arbeitet, mehr habe, als der, der sich nicht auf Arbeit einlasse.

Roth verteidigte das Konzept: „Schaffensdrang“ sei als Angebot an motivierte Arbeitssuchende konzipiert, die sich weiter in der Gesellschaft einbringen wollten. Es gehe um Freiwilligkeit. Dass Unternehmen das Angebot missbrauchen könnten, um qualifizierte Arbeit zu Dumpingpreisen zu bekommen, sieht Roth nicht. Dafür würden Angebot und Nachfrage sorgen. Für die Solidargemeinschaft vorteilhaft sei, dass die Projektteilnehmer im Sozialrechtsverhältnis bleiben. Der VBW will jetzt nach Kommunen suchen, die das Konzept ausprobieren.

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