Arbeitsmarkt
Gewerkschaften warnen vor Lohndumping durch Osteuropäer

Am Sonntag öffnet Deutschland seine Schranken für Arbeitnehmer aus Osteuropa. Während sich die Regierung von der neuen Freizügigkeit ein Ende des Fachkräftemangels erhofft, warnt die IG Metall vor Lohndrückerei.    
  • 15

BerlinWirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) sieht in der neuen Freizügigkeit für Arbeitnehmer aus den acht osteuropäischen EU-Staaten Estland, Lettland, Litauen, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn eine Chance für Deutschland. Die Öffnung des deutschen Arbeitsmarktes an diesem Sonntag könne dazu beitragen, den in vielen Branchen vorhandenen Fachkräftemangel zu beheben, betonte Brüderle in einer Mitteilung vom Samstag in Berlin. Hierfür müssten zum einen die heimischen Potentiale des Arbeitsmarktes besser genutzt werden. „Andererseits brauchen wir Zuwanderung in Qualität aus dem Ausland. Dass wir unseren Arbeitsmarkt ab dem 1. Mai 2011 weiter öffnen, leistet hierzu einen Beitrag.“

Von diesem Sonntag an ist der deutsche Arbeitsmarkt auch für Bürger aus den acht osteuropäischen Ländern offen, die 2004 der EU beigetreten sind. Um nach Deutschland zu kommen, brauchen sie künftig keine Arbeitserlaubnis mehr.

Die Gewerkschaften sehen eine die weitere Öffnung des Arbeitsmarkts hingegen kritisch. Nach Einschätzung der IG Metall führe ein Zustrom von Arbeitskräften aus Osteuropa zu einem Wachstum des Niedriglohn-Sektors. „Wir befürchten, dass es zunehmend Lohndumping in der Leiharbeit geben wird“, sagte IG Metall-Vizechef Detlef Wetzel den Zeitungen der „WAZ“-Mediengruppe.  „Die Zeche könnten vor allem Mittelständler und Handwerksbetriebe zahlen, wenn künftig in Osteuropa angestellte Beschäftigte mit Niedriglöhnen Aufträge in Deutschland erledigen“, sagte Wetzel. Er fügte hinzu: „Es werden nicht 100.000 Ingenieure nach Deutschland kommen. Eher droht eine Lohnspirale nach unten.“

Deutschland ist nach Ansicht der IG Metall nicht ausreichend auf die Öffnung des Arbeitsmarktes nach Osteuropa vorbereitet. „Wir haben zwar Mindestlöhne in der Bauindustrie, aber die Regeln müssen auch eingehalten werden. Mehr Kontrollen wären notwendig.“ Ohnehin sei der deutsche Arbeitsmarkt in Unordnung geraten: „Leiharbeit, Minijobs, befristete Stellen - was ursprünglich als Ausnahme vorgesehen war, ist zur Regel geworden. Die Situation ist völlig aus dem Ruder gelaufen.“

Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt warnte davor, auf flexible Beschäftigungsformen wie Minijobs zu verzichten. Sie seien ein Jobmotor und dürften nicht als „prekäre Arbeit“ diffamiert werden, sagte Hundt der „Rheinpfalz am Sonntag“. Zeitarbeit, befristete Beschäftigung und andere flexible Modelle sicherten der Wirtschaft Beweglichkeit im globalen Wettbewerb. Damit erleichterten sie es den Unternehmen, Arbeitsplätze zu schaffen.

Nach Einschätzung des Arbeitgeberpräsidenten sind flexible Beschäftigungsformen für gering Qualifizierte und Arbeitslose ein wichtiges Sprungbrett in den Arbeitsmarkt. „Ich warne davor, wertvolle Chancen für den Einstieg in Arbeit aus ideologischen Gründen zu verbauen“, betonte Hundt. Flexible Beschäftigungsmodelle trügen erheblich dazu bei, dass Deutschland 2011 auf einen Beschäftigungsrekord zusteuere.    

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Arbeitsmarkt: Gewerkschaften warnen vor Lohndumping durch Osteuropäer"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Totaler Schwachsinn! In unseren Firmenbetrieb (250 Angestellte )werden Deutsche entlassen und durch Rumänische Arbeiter ersetzt,die dazu nur 1,50 Euro pro Std bekommen. Der Weg ist nun entgültig frei für Billigarbeitskräfte aus Osteuropa! Wo soll das noch hinführen? Bald müssen wir in den OSten um arbeit zufinden!

  • Wie kann es sein, dass so ein Uraltartikel vom vergangenen April wieder im September online geht ? Man hat doch danach festgestellt, dass die Osteuropäerwelle ausblieb weil das Lohniveau fur ungelernte Kräfte in den vergangenen Jahren derart in den Keller sank, so dass das nicht einmal Osteuropäer mehr anzieht. Die bleiben lieber bei gleichen Löhnen und weniger Lebenshaltungskosten zu Hause...
    Steht das Handelsblatt so schlecht da, dass jetzt nun schon die Weihnachtsgeschichte vom vergangenen Jahr nochmal aufgetischt wird ?

  • Es ist völlig richtig was die Gewerkschaften befürchten.
    Meine Lebensgefährtin (Spanierin) wurde gestern entlassen.
    Es wurden vor ca. 3 Wochen 25 Ungarn über ihre Zeitarbeitsfirma (DEKRA) in ihrem Betrieb (Recicling) eingestellt. Im Gegenzug wurden fast genauso viele Mitarbeiter, die bei DEKRA Deutschland einen Vertrag haben entlassen.
    Ist das soziale Gerechtigkeit??

    Es ist einfach eine Sauerei was hier in Deutschland abgeht.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%