Arbeitsmarkt
Jeder vierte Arbeitslose rutscht direkt in Hartz IV

Die Zahl der Arbeitslosen, die direkt in Hartz IV abrutschen, steigt seit vier Jahren kontinuierlich an. Umgekehrt können auch mehr Hartz IV-Bezieher zumindest vorübergehend wieder einen Arbeitsplatz finden.
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BerlinJeder vierte Beschäftigte rutscht beim Verlust seines Arbeitsplatzes direkt in die Hartz-IV-Grundsicherung ab. Seit vier Jahren steigt die Zahl der Arbeitslosen beständig an, die nach einer regulären Beschäftigung auf das Arbeitslosengeld II angewiesen sind, von 621.000 im Jahr 2008 auf fast 737.000 im Jahr 2011. Sie machten 2011 rund 26,4 Prozent aller Arbeitslosen aus, die eine Beschäftigung am ersten Arbeitsmarkt verloren, wie aus Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) hervorgeht. 2008 lag ihr Anteil noch bei 21,5 Prozent, also jeder Fünfte. „Die soziale Sicherungsfunktion der Arbeitslosenversicherung nimmt stetig ab“, kritisierte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) am Montag in der Zeitung „Die Welt“. Wie die SPD forderte der DGB, den Bezug von Arbeitslosengeld I zu erleichtern. Das Arbeitsministerium erklärte dazu, es sehe keinen Handlungsbedarf.

Der auf den ersten Blick negative Trend ist auch Ergebnis einer positiven Entwicklung: Immer mehr Hartz-IV-Bezieher können zumindest vorübergehend Fuß am Arbeitsmarkt fassen. Ihre Zahl stieg von 848.000 im Jahr 2008 auf rund 917.000 im vergangenen Jahr. Ihr Anteil an allen Abgängen aus der Arbeitslosenstatistik in den ersten Arbeitsmarkt stieg von 34,3 auf 36,9 Prozent.

„Es ist richtig, dass die Zahl derer steigt, die ihren Job verlieren und direkt in Hartz IV fallen“, sagte eine Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit. Das könne zwei Gründe haben: Die Beschäftigung sei entweder zu kurz gewesen, um Ansprüche aus der Arbeitslosenversicherung zu erwerben, oder das Arbeitslosengeld I sei so niedrig, dass es mit Arbeitslosengeld II aufgestockt werde. „Man muss allerdings auch sehen, dass nicht nur die Zugänge aus Beschäftigung in Hartz IV gestiegen sind, sondern auch die Abgänge aus Hartz IV in Beschäftigung“, sagte die Sprecherin. „Es gelingt immer mehr Hartz-IV-Beziehern, wenigstens zeitweise in den Arbeitsmarkt zu kommen.“

SPD-Vizefraktionschef Hubertus Heil erneuerte die Forderung seiner Fraktion, die Voraussetzungen für einen Anspruch auf Arbeitslosengeld zu verringern. Nach Vorstellungen der SPD-Fraktion sollen sechs Monate statt derzeit zwölf Monate in einem regulären Job ausreichen, um einen Anspruch auf Arbeitslosengeld I zu erwerben. Nach sechs Monaten Beschäftigung würde dann drei Monate lang Arbeitslosengeld I gezahlt. Zudem soll die Rahmenfrist, innerhalb derer die sechs Monate Beschäftigung angesammelt werden können, von zwei auf drei Jahre ausgedehnt werden. Zu dem entsprechenden Gesetzentwurf der SPD hört der Bundestagsausschuss für Arbeit und Soziales am 23. April Sachverständige an.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Junge Menschen landen nach ihrer Ausbildung oft bei Leihfirmen. Dort werden sie in der Hochsaison zu Dumpinglöhnen beschäftigt und zu den ruhigeren Zeiten (Betriebsferien im Sommer oder zum Jahreswechsel) wieder entlassen. Von 24 Monaten werden 22 Monate gearbeitet aber eben nur selten 12 Monate am Stück. So geht das Jahr ein, Jahr aus und da die entlassenen Arbeiter bei HartzIV erst einmal ihr "Privatvermögen" aufbrauchen müssten, melden sie sich erst gar nicht.

    So bekommt die Wirtschaft ausreichend Humankapital zu Billigstlöhnen und der Staat kann sinkende Arbeitslosenzahlen vermelden. Obendrein steigen die Einnahmen der "Sozialkassen", da auch die Niedriglöhner ihren Beitrag leisten müssen.

  • Man muß darauf hinweisen, daß H4-Empfänger ALLES verlieren, wofür sie ein Leben lang gearbeitet haben. Das Haus fürs Alter geht i.allg. zu einem Spottpreis an eine Bank etc. Jegliche Vermögen müssen verramcht werden.

    Erst dann zahlt das Arbeistamt H4. ich denke, dies wird noch ein Thema für die Piraten! Sogesehen ist das Grundeinkommen positiv zu sehen.

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