Arbeitsmarkt-Prognosen
Der Flüchtling als Mini-Konjunkturmotor

Nur ein kleiner Teil der Flüchtlinge in Deutschland wird auf dem hiesigen Arbeitsmarkt Fuß fassen, so eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Doch das ist laut Experten kein Grund zur Sorge.
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Berlin/DüsseldorfDas Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) geht davon aus, dass von den nach Deutschland strömenden Flüchtlingen nur ein Bruchteil auf dem hiesigen Arbeitsmarkt Fuß fassen wird. In diesem Jahr, so schätzen die Forscher in ihren sogenannten „Herbstgrundlinien“ für die konjunkturelle Entwicklung in diesem und im nächsten Jahr, würden rund 50.000 Personen, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind oder noch kommen, eine Beschäftigung suchen.

Im nächsten Jahr wären es gut 120.000 Personen. Die Experten unterstellen dabei, dass in beiden Jahren jeweils etwa 800.000 Menschen als Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) geht sogar von einer Million Flüchtlingen in diesem Jahr aus.

Eine zusätzliche Belastung für den Arbeitsmarkt durch die Flüchtlinge sieht DIW-Konjunkturchef Ferdinand Fichtner jedoch nicht. „Der Arbeitsmarkt kann das wegstecken“, sagte er. Die Beschäftigung steigt sogar weiter und sorgt dafür, dass die Arbeitslosenquote in diesem Jahr erneut zurückgeht – auf 6,4 Prozent, wie die Experten erwarten. Im kommenden Jahr wird sie demnach auf diesem Niveau verbleiben, trotz der zunehmenden Zahl an Zuwanderern.

Dass immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland kommen, spiegelt sich auch in den öffentlichen Haushalten wider. Die damit verbundenen Ausgaben sind, wie die DIW-Forscher betonen, allerdings nur schwer zu quantifizieren. Die Annahmen seien „höchst unsicher“. Noch schwerer zu quantifizieren seien die den Ausgaben gegenüberstehenden Einnahmen.

Das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) warnt sogar vor einer Überforderung Deutschlands durch die Flüchtlingskrise. Für Deutschland sei zwar „die Konstellation für eine Neuorientierung seiner Flüchtlings- und Migrationspolitik günstiger denn je“, heißt es in einem dem Handelsblatt vorliegenden Positionspapier des Instituts. „Allerdings darf sich das Land auch nicht überfordern, schon um die erkennbare Bereitschaft zu einer Neuorientierung nicht zu gefährden.“

Als positiv verbuchen die DIW-Experten allerdings, dass die Asylbewerber die Konsumnachfrage und damit auch die Umsatzsteuereinnahmen erhöhen würden. Sobald sie eine Beschäftigung aufnehmen, zahlten sie zudem Einkommensteuern und Sozialbeiträge. Konkrete Zahlen nannte das DIW aber nicht. Das Institut erwartet in seiner Prognose, dass die Bruttoausgaben, unter anderem für Sozialleistungen, Unterkunft und Betreuung der Asylbewerber, im Jahr 2016 etwa neun Milliarden Euro betragen dürften.

Trotz der erhöhten Belastung der öffentlichen Haushalte rechnet das DIW unter dem Strich mit hohen Überschüssen: „Sieht man von Einmalerlösen aus der Versteigerung von Mobilfunklizenzen ab, beläuft sich der Überschuss in diesem Jahr auf 18,5 Milliarden Euro und im nächsten Jahr auf knapp 20 Milliarden Euro“, schreiben die Forscher in ihrer Studie.

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Staat erhöht Ausgaben zur Unterbringung der Asylbewerber

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  • Verehrter Herr Ulrich!
    Sie sprechen ein wichtiges Problem an. Eine Million Menschen beschäftigt sich zumindest einer Hälfe aus sich selbst. Die andere Hälfte sind Erwerbsarbeiten, die gesamtgesellschaftlich, vorwiegend in Industrie und Dienstleistungen statt finden. In der kurzfristigen Perspektive sind die von Ihnen genannten Probleme noch nicht sehr groß. Längerfristig sind wir Alten zwar alle tot, aber unsere Kinder und Enkel müssen sich der Sharingökonomie und den Nullgrenzkosten stellen. Und siehe da, die Welle der ehrenamtlichen Arbeit von Millionen Deutschen weist die Richtung in der Zukunft. Wenn die Leute wieder alles selber machen und nicht auf den Märkten kaufen, dann ist es aus mit der Erwerbsarbeit und mit der Marktwirtschaft, wie es zehntausende Jahre menschlicher Gesellschaft ohne Markt und ohne Geld war. Keine Angst! Das erleben sogar unsere Kinder nicht mehr. Die Überwindung von Erwerbsarbeit zur Gemeinschaftsarbeit hat gerade erst begonnen und wird mindestens ein Menschenleben lang oder mehr als 80 Jahre dauern. Natürlich wird bis 2100 lediglich der Übergang von der Erwerbsarbeit zur Gemeinschaftsarbeit erreicht sein. Danach muss noch die Vervollkommnung dieser Form der Arbeit erfolgen bis schließlich in 200 Jahren die Optimierung zur Aufgabe wird. Aber das geht über unseren heutigen Verstand.

  • @ Herr Peter Noack

    "...........woher diese Arbeitsplätze herkommen sollen...."

    Frau Nahles äußerte sich zum Thema Industrie.4.0 und vermutet, das jeder 8. Arbeitsplatz verloren gehen wird !
    Ausländische Studien gehen von bis/über 50% der Arbeitsplätze aus, die verloren gehen sollen !

    Was wirklich an Arbeitsplätzen verloren geht wird sich noch zeigen, aber man redet von keinem Wachstum oder Ersatz an zukünftigen ARBEITSPLÄTZEN !
    Verstehe die sogenannten "Experten" nicht, mit diesen unterschiedlichen Erkenntnissen !

    Anders, diese Spinnereien verstehe ich auch nicht !!!
    Die deutsche überschwängliche Dummheit, wurde schon im 19. Jahrhundert erkannt !

  • Ergänzung: Eine Million Wohnungen kostet ca. 80 Milliarden. 2 Millionen sind 160 Milliarden oder fünf mal 32 Milliarden. Allein die zusätzlichen Wohnungen erfordern ein Zusatzwachstum von 1 Prozent jährlich bis 2020.! Wer hält dagegen?

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