Arbeitsmarkt
Zahl der Niedriglohn-Jobs nimmt ab

Immer mehr Arbeitnehmer bekommen so wenig Lohn, dass sie ergänzende Sozialtransfers benötigen, kritisieren die SPD und die Gewerkschaften. Doch eine Statistik der Bundesagentur für Arbeit belegt nun das Gegenteil: Immer weniger Erwerbstätige brauchen Aufstockung durch Hartz IV. Nur der Minijob boomt weiter.
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BERLIN. "Arm trotz Arbeit" lautet der anklagende Befund, mit dem Gewerkschaften und SPD für Mindestlöhne eintreten. Ihr Argument: Immer mehr Arbeitnehmer bekämen so wenig Lohn, dass sie ergänzende Sozialtransfers benötigten. Nun aber verzeichnet die Bundesagentur für Arbeit (BA) ausgerechnet in Krisenzeiten eine verblüffende Trendwende in der Statistik über diese Aufstocker: Die Zahl der Erwerbstätigen, die ergänzend Hartz IV beziehen, geht neuerdings kräftig zurück. Entsprechend der bisher üblichen Interpretation wäre das ein deutlicher Beleg, dass das Ausmaß sogenannter prekärer Beschäftigung sinkt.

Lässt man die Sonderfälle der Mini- und Midijobs beiseite, dann hatten im Februar 2009 nach den aktuellsten BA-Daten nur noch 326 000 Beschäftigte Anspruch auf ergänzende Unterstützung durch Hartz-IV-Leistungen. Das waren 38 000 oder gut zehn Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Speziell seit Herbst weist die Statistik einen starken Rückgang aus. Verglichen mit dem Höchststand im September 2008 macht er sogar bereits 62 000 oder gut 15 Prozent aus.

Wie dieser vermeintliche oder tatsächliche Zugewinn an sozialer Gerechtigkeit näher zu erklären ist, dafür bieten Arbeitsmarktexperten unterschiedliche Erklärungen an. Die scheinbar nächstliegende hat direkt mit dem Konjunktureinbruch zu tun: Bei schlechter Auftragslage würden nun einmal Arbeitsplätze mit geringem Qualifikationsprofil und niedriger Bezahlung besonders schnell gestrichen. "Die sogenannten Randbelegschaften werden erfahrungsgemäß als erste aus den Unternehmen gedrängt, sagt BA-Vorstandsmitglied Heinrich Alt. In diesem Fall wäre der Rückgang der Aufstockerzahlen folglich keine positive Entwicklung. Vielmehr hätten die Betroffenen nun gar keine Arbeit mehr und würden deshalb nicht mehr als erwerbstätige Hartz-IV-Bezieher geführt.

Sollte diese These zutreffen, könnte dahinter insbesondere der massive Abbau von Zeitarbeiter-Stellen in den vergangenen Monaten stehen. Denn in der Zeitarbeit waren stets überproportional viele Geringqualifizierte beschäftigt, von denen entsprechend viele im unteren Lohnbereich angesiedelt sind. Nach Hochrechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft(IW) für den Bundesverband Zeitarbeit (BZA) ist die Gesamtzahl der Zeitarbeiter seit Mitte 2008 von 800 000 auf unter 550 000 gesunken.

Mit diesem Erklärungsansatz konkurriert indes ein völlig anderer Befund, der gerade aus Sicht der Bundesregierung viel positiver wäre: Die Regierung hatte im Herbst großzügigere Regelungen für den sogenannten Kinderzuschlag in Kraft gesetzt. Diese Sozialleistung von bis zu 140 Euro monatlich pro Kind zielt auf Geringverdiener, die ohne ihre Kinder gerade noch genug Einkommen hätten, um nicht unter die Bedarfsgrenzen des Hartz-IV-Systems zu fallen.

Damit diese Familien nicht allein wegen ihrer Kinder Hartz IV beziehen müssen, hatte man bereits 2005 den separaten Zuschlag ins Kindergeldgesetz eingefügt; das entlastet die Aufstocker-Statistik. Seit Oktober 2008 gelten dafür neue, niedrigere Einkommensschwellen - weshalb mehr Geringverdiener den Zuschlag nutzen können. Verstärkt wird der Effekt durch eine Anhebung des Wohngelds im vergangenen Jahr. Auch diese Hilfe für Erwerbstätige läuft außerhalb des Hartz-IV-Systems, steht aber zugleich teilweise in Konkurrenz zu dessen Leistungen.

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