Arbeitsstatistik

Streikausfälle in Deutschland auf Rekordtief

So viel Frieden war selten: Im vergangenen Jahr haben sich die deutschen Arbeitnehmer mit Streiks zurückgehalten. Die Summe der durch Streiks verlorenen Arbeitstagen sank auf den niedrigsten Stand seit 2004.
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AWO-Warnstreiks in Düsseldorf im Oktober 2010: Solche Bilder waren eher die Ausnahme. Quelle: dapd

AWO-Warnstreiks in Düsseldorf im Oktober 2010: Solche Bilder waren eher die Ausnahme.

(Foto: dapd)

BerlinIm Hinblick auf Arbeitskämpfe war 2010 für Deutschland ein friedliches Jahr: Die Zahl der durch Streik ausgefallenen Arbeitstage war nach einer Bilanz des gewerkschaftsnahen Forschungsinstituts WSI vom Mittwoch mit 173.000 Tagen so gering wie seit 2004 nicht mehr.

Insgesamt hätten sich etwa 120.000 Beschäftigte an Streiks und Warnstreiks beteiligt. 2009 waren es noch 400.000 Streikende. Ein wesentlicher Grund für den Rückgang sei, dass 2010 in der Metall- und Elektroindustrie noch in Zeiten der Krisenprägung der Branche eine Tarifeinigung ohne Arbeitskampf erzielt wurde.

Auch für das laufende Jahr sieht der WSI-Experte Heiner Dribbusch bislang keine Anzeichen für Großkonflikte. Von den noch offenen Tarifrunden berge vor allem der Einzelhandel ein schwer einzuschätzendes Konfliktpotential.

Die Berechnungen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung beruhen auf Gewerkschaftsangaben, Zeitungsberichten und eigenen Recherchen. Die am Mittwoch veröffentlichte offizielle Streikstatistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) zeichnet mit knapp 13.000 Streikenden und 25.900 verlorenen Arbeitstagen ein noch günstigeres Bild.

Die mächtigsten Gewerkschaften Deutschlands
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Mit Abstand die kleinste Gewerkschaft, aber dennoch äußerst mächtig: Die Vereinigung der Piloten, Cockpit, hat zwar lediglich rund 8 000 Mitglieder, legte aber zu Beginn des Jahres große Teile des deutschen Luftverkehrs lahm. Die Piloten fürchten immer wieder die Entwertung ihrer Tätigkeit durch Billigairlines. Foto: dpa

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Rund 169 000 Polizisten sind momentan in der Gewerkschaft der Polizei (GdP)organisiert. Die Vereinigung nimmt eine Sonderstellung im Deutschen Gewerkschaftsbund ein, da sie sich nicht nur als Arbeitnehmervertetung sieht, sondern auch als Berufsorganisation. So veröffentlicht die GdP regelmäßig Positionspapiere - beispielsweise auch zur Bekämpfung des islamischen Terrorismus. Foto: dpa

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Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten, kurz NGG, hat rund 205 000 Mitglieder. Neben dem Back- und dem Hotel- und Gaststättengewerbe vertritt die Gewerkschaft unter anderem auch die Angestellten der Tabakfabrikanten. Fast schon klassisch: Der Arbeitskampf zwischen der NGG und Coca Cola. Zur Fußballweltmeisterschaft 2006 drohte die Gewerkschaft, mit einem dauerhaften Streik. In den letzten Jahren rückte die NGG zudem bei diversen Fleischskandalen in den Fokus der Öffentlichkeit. Foto: ap

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Eine der Gewerkschaften, deren Streiks regelmäßig für deutschlandweiten Unmut sorgen: In der Transnet organisieren sich die deutsche Lokführer. Der Verbund hat momentan circa 219 000 Mitglieder. Doch so scheinbar klein die Gewerkschaft auch sein mag - ihren Mitgliedern gelingt es problemlos, fast die ganze Bundesrepublik lahm zu legen, indem sie die Züge der Deutschen Bahn stoppen. Aktuell ehrgeizigstes Projekt der Transnet ist ein branchenübergreifender Tarifvertrag, der Billiglöhne bei Wettbewerbern der Bahn verhindern soll. Foto: ap

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Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft ist gemein hin besser als Allgemeiner Deutscher Lehrer- und Lehrerinnen-Verband bekannt. Traditionell setzen sich die rund 258 000 Mitglieder starke Vereinigung für eine faire Bildungspolitik und nach eigenem Bekunden für gute Arbeits- und Lebensbedingungen von Lehrern ein. Im Fokus steht in den letzten Jahren zudem mehr Chancengleichheit für Kinder aller sozialen Schichten zu schaffen. Ungewöhnlich harsche Kritik übte die GEW kürzlich an dem neuen Stipendienprogramm der Bundesregierung und bezeichnete dieses als "Armutszeugnis". Foto: dpa

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Hier demonstrieren streikende Gebäudereinigungskräfte von der IG Bauen-Agrar-Umwelt für mehr Lohn. Momentan hat die IG BAU etwa 325 000 Mitglieder. Bei ihrer Gründung im Jahr 1996 waren es noch rund doppelt so viele. In den letzten Jahren setzt sich die IG BAU zunehmend gegen Schwarzarbeit ein und fordert Mindestlöhne, um die illegale Beschäftigung einzudämmen. Im Fall der Gebäudereiniger war die Gewerkschaft mit ihrer Forderung 2009 erfolgreich. Foto: dpa

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Die IG Bergbau, Chemie, Energie, kurz IG BCE, hat rund 687 000 Mitglieder. Mit dem absehbaren Ende der Kohleförderung in Deutschland und den daher immer weiter zurückgehenden Arbeitsplätzen ist die Bedeutung der Kumpel in der Gewerkschaft mittlerweile geringer geworden. Das Engagement in der Chemiebranche tritt zunehmen in den Vordergrund. In den letzten Jahren schlug die IG BCE in dieser Sparte aber leisere Töne an und verlangte in der Regel Arbeitsplatzsicherung statt Lohnerhöhungen. Foto: ap

Nach der amtlichen Statistik wären das die wenigsten Ausfalltage seit 2005. Sie weist aber nur Streiks aus, an denen in einem Betrieb mindestens zehn Arbeitnehmer beteiligt waren und die mindestens einen Tag dauerten oder die zu mindestens 100 verlorenen Arbeitstagen führten. Laut BA waren 132 Betriebe betroffen. Die amtliche Statistik offenbare erhebliche Lücken, die auf einer systematischen Untererfassung des Arbeitskampfgeschehens beruhten, erklärte Dribbusch. Der ganz überwiegende Teil aller Streiks sei 2010 wie in den Vorjahren auf Konflikte um Firmen- und Haustarifverträge zurückgegangen.

  • rtr
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