Arbeitszeitverkürzung oder Arbeitszeitverlängerung?
Was Stellen rettet, sorgt noch nicht für neue Jobs

Ein seltsamer Widerspruch tut sich auf in der wirtschaftspolitischen Debatte: Von Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) über die CDU-Vorsitzende Angela Merkel bis hin zu den Wirtschaftsverbänden erschallt der Ruf nach längeren Arbeitszeiten als Kur für das deutsche Beschäftigungsproblem – doch in der Praxis geschieht genau das Gegenteil.

DÜSSELDORF. Die Deutsche Telekom lieferte mit ihrem Plan, die Arbeitszeit ihrer Beschäftigten von 38 auf 34 Stunden zu verkürzen, am Dienstag nur eines von gleich zwei plakativen Beispielen. Der Autohersteller Opel steuerte das andere bei: Wegen schleppenden Autoabsatzes soll im Stammwerk Rüsselsheim bis zum Ende des Jahres 2004 gar die 30-Stunden-Woche gelten.

Dazu passt, dass die IG Metall gerade erst vor vier Wochen in Wolfsburg das zehnjährige Jubiläum der Vier-Tage-Woche bei Volkswagen gefeiert hat. Die drastische Arbeitszeitverkürzung habe 1993 rund 30 000 Beschäftigte vor der Entlassung bewahrt, diagnostiziert die Gewerkschaft stolz und misst dem „Wunder von Wolfsburg“ Vorbildcharakter bei. „Das Prinzip: Arbeitszeit senken und die vorhandene Arbeit auf viele Schultern verteilen“, so ihr Befund, „hat weit über Volkswagen hinaus ausgestrahlt und ist Vorbild für ähnliche Tariflösungen.“

Doch auch wenn diese Form der Beschäftigungssicherung mittlerweile die praktische Erfahrung vieler Arbeitnehmer prägt – es spricht noch lange nicht gegen die ökonomische Logik zu Gunsten einer Verlängerung der im internationalen Vergleich kurzen deutschen Arbeitszeiten. „Was einzelwirtschaftlich sinnvoll ist, muss gesamtwirtschaftlich durchaus nicht von Vorteil sein“, betont Hagen Lesch, Tarif- und Arbeitsmarktexperte am Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW).

Das zentrale ökonomische Argument zu Gunsten längerer Arbeitszeiten liegt darin, dass sich auf diesem Wege am einfachsten die Arbeitskosten pro Stunde senken lassen. Denn sofern der Lohn nicht in gleichem Maße wie die Arbeitszeit steigt, verbilligt sich der Faktor Arbeit, ohne dass der einzelne Arbeitnehmer auf Einkommen verzichten muss.

Das Kalkül der einzelnen Unternehmen sieht freilich anders aus. Sie müssen in Krisenphasen mit Personalüberhängen umgehen, die sich zumindest kurzfristig weder durch Kündigungen abbauen noch durch eine Geschäftsausweitung auslasten lassen. Da ist dann jede Lösung recht, welche die Personalkosten reduziert.

Die betriebs- wie gesamtwirtschaftlich sinnvolle Alternative wäre eine Lohnsenkung bei unveränderter Arbeitszeit. Diese Variante allerdings sei im notwendigen Verhandlungsprozess zwischen Tarif- und Betriebsparteien nun einmal erfahrungsgemäß besonders schwierig durchsetzbar, schränkt IW-Forscher Lesch ein.

Entsprechend häufig findet sich das Prinzip der Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich auch in den Tarifverträgen – wer in der bestehenden Tariflandschaft nach Öffnungsklauseln zu Gunsten betriebsbezogener Regelungen sucht, wird auf kaum einem Gebiet so häufig fündig wie bei dieser Variante.

Neben der Metall- und der Chemieindustrie findet sie sich auch im Tarifvertrag für das Bankgewerbe, wo die reguläre Wochenarbeitszeit mit 39 Stunden eine der längsten ist. Dort kann das Pensum nach Bedarf bei verminderter Bezahlung auf 31 Stunden reduziert werden. Ähnliche Optionen sehen die Tarifverträge für das Versicherungsgewerbe und die Druckindustrie vor.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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