Armutsbericht der Bundesregierung sieht wachsende Ungleichheit
Rentner und Pensionäre sammeln viel Vermögen an

Das Klischee vom mittellosen Rentner hat in der politischen Diskussion endgültig ausgedient. Nach dem neuesten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung sind Senioren deutlich seltener von Armut bedroht als der Rest der Bevölkerung. Ihr mittleres Nettovermögen hat in den vergangenen zehn Jahren wesentlich stärker zugenommen als das der Arbeitnehmer und Selbstständigen.

BERLIN. Im Durchschnitt verfügt ein Rentnerhaushalt nun über knapp 130 000 Euro Vermögen. Pensionierte Beamte können statistisch gesehen sogar über 252 000 Euro verfügen.

„Deutschland ist ein reiches Land“, resümiert die 290-seitige Untersuchung, die von der Bundesregierung im nächsten Jahr zum zweiten Mal vorgelegt werden soll und vorab bekannt wurde. Derzeit befindet sich der Bericht noch in der Endabstimmung mit den Ressorts und Verbänden. Doch an der entscheidenden Relativierung der Eingangsthese vom reichen Deutschland dürfte nicht viel zu ändern sein: „Aber Armut und soziale Ausgrenzung sind nicht nur Randphänomene.“ Vor allem bedingt durch die schlechte Konjunktur ist das Risiko, unter die statistische Armutsgrenze von 938 Euro Netto-Haushaltseinkommen zu rutschen, seit 1998 sogar von 12,1 Prozent auf 13,5 Prozent (2003) gestiegen.

Allerdings zeichnet der Bericht ein höchst heterogenes Bild der Gesellschaft. Vor allem durch die Zunahme der Teilzeitarbeit sei „ein Trend zunehmender Streuung der Bruttoeinkommen“ zu beobachten, heißt es dort. Auch die Privatvermögen in Deutschland seien „sehr ungleichmäßig“ verteilt. In sämtlichen Darstellungen sind die Reformmaßnahmen der Agenda 2010 sowie die zweite und dritte Stufe der Steuerreform noch nicht berücksichtigt.

Am oberen Ende der sozialen Skala rangieren jene Privathaushalte, die mehr als eine Million DM (511 000 Euro) ihr Eigen nennen. Deren Zahl kletterte seit 1998 von 1,1 auf 1,6 Millionen. Ohnehin haben sich die Vermögen per saldo recht positiv entwickelt. Im Durchschnitt verfügen die Haushalte über 130 000 Euro. Dies sind nominal 17 Prozent und real knapp zehn Prozent mehr als vor sechs Jahren. Hauptgrund ist die kräftige Steigerung der Verkehrswerte von Immobilien, die drei Viertel des Gesamtvermögens ausmachen, während Aktien mit drei bis vier Prozent noch eine untergeordnete Rolle spielen.

Allerdings täuscht der statistische Mittelwert: So verfügt die unter Hälfte der Haushalte nur über vier Prozent des gesamten Nettovermögens. Das reichste Zehntel hingegen besitzt 46,8 Prozent. 1998 waren es noch 44,4 Prozent gewesen. Den stärksten Vermögenszuwachs haben nach der Untersuchung Rentner und Pensionäre zu verzeichnen. Zwar liegen die Werte im Westen noch deutlich höher als im Osten, doch holen die neuen Länder auf. Neben den Senioren haben in den alten Ländern vor allem Singles im mittleren Alter und junge allein lebende Frauen ihre Guthaben ausgebaut. „Deutlichere Rückgänge“ sind hingegen bei allein Erziehenden und jungen Paaren zu beobachten.

Allein Erziehende sind ähnlich wie Arbeitslose und Migranten auch besonders oft von Armut betroffen. Bei Selbstständigen und Rentnern sank die Risikoquote mit 9,3 und 11,8 Prozent zugleich deutlich unter den Mittelwert von 13,5 Prozent. Hauptursache der Bedürftigkeit bei den Problemgruppen ist nach Darstellung des Berichts der Verlust des Jobs. Eine sozial gerechte Politik müsse sich folglich „vorrangig an der Schaffung von Arbeitsplätzen und der Integration Erwerbsloser in den Arbeitsmarkt orientieren“. Dazu sei vor allem auch der Ausbau von Bildungs-, Ausbildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten erforderlich.

Meistens ist Einkommensarmut kein permanenter Zustand. Zwei Drittel der Betroffenen hatten im Untersuchungszeitraum nach drei Jahren wieder den Sprung über die Armutsgrenze geschafft. Vier Prozent der Gesamtbevölkerung aber müssen nach der Untersuchung als „chronisch einkommensarm“ gelten. Diese Personen weisen ein vergleichsweise niedriges Qualifikationsniveau auf, sind oft allein erziehend oder leben in Haushalten mit drei und mehr Kindern.

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