Arzneimittelknappheit
Müssen Antibiotika teurer werden?

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Lösung mit Pferdefuß

Bork Bretthauer, der Chef des Verbandes Pro Generika, ist der Meinung, dass dieses Problem nicht allein mit einem besseren Informationssystem über drohende Lieferprobleme in China oder Indien gelöst werden könne, wie sie die Ortskrankenkassen fordern. Auch Bevorratung allein könne das Problem nicht lösen. Deutschland müsse sich vielmehr ernsthaft fragen, ob es nicht doch nötig sei, wieder eine eigene Produktion in Deutschland aufzubauen. Auch Roland-Berger kommt in seiner Studie zu diesem Ergebnis.

Doch diese Lösung hat einen gewaltigen Pferdefuß: Sie ist zum derzeitigen abgesunkenen Preisniveau nicht zu haben. Es versteht sich von selbst, dass die Sicherheitsstandards und Umweltauflagen für neue Produktionen in Deutschland höher sind, als in Indien oder China. Ihre Sicherstellung würde selbst bei gleichen Standards mehr Geld Kosten. Die Lohnkosten sind höher. Zudem fehlt den deutschen Unternehmen, die Antibiotika verkaufen, inzwischen das technische Know-how. Hinzu kommt, dass es aus Sicherheitsgründen mehrere Produktionsanlagen für jeden Wirkstoff geben müsse. „Die Anlaufkosten für eine deutsche Produktion wären also immens.“ 

Trotzdem hält Roland Berger das Ganze nicht für unmöglich, wenn der Staat zu einer Anschubfinanzierung bereit wäre. So könnte er die aktuellen  Preise per Gesetz aufstocken um eine Art „Subventionsbetrag“ zum Ausgleich der Mehrkostenbelastung durch die lokale Wirkstoffproduktion. Investitionszuschüsse und Steuererleichterungen sollen den Bau der Anlagen erleichtern. Die Aufträge dazu können EU-weit ausgeschrieben werden. Vor allem plädiert Roland Berger für eine grundlegende Neuorientierung der Rabattverträge. Bisher dreht sich hier alles um Preis und theoretische Lieferfähigkeit. Roland-Berger plädiert dafür, auch weichere Faktoren wie Umweltauflagen zur berücksichtigen und einen Bonus für lokale Produktionen zu ermöglichen. Bretthauer macht sich sogar für ein generelles Verbot von Rabattverträgen für versorgungswichtige Wirkstoffe stark. Unter dem Strich würden Antibiotika im Vergleich zu heute jedenfalls deutlich teurer werden.

Pro Generika wünscht sich, dass die Politik bei der im vergangenen Jahr versprochenen Neuauflage des Pharma-Dialogs wenigstens bereit ist, darüber zu sprechen. „Von der Entscheidung, neue lokale Produktionsstätten aufzubauen, bis zur ersten in komplett in Deutschland produzierten Pille würden auch bei einer Einigung noch vier Jahre vergehen“, meint der stellvertretende Vorstandsvorsitzende von Pro Generika Markus Leyck-Dieken.

Leyck-Dieken verweist auf das Beispiel Grippeimpfstoffe. Die USA hätten seinerzeit auf weltweite Engpässe beim Impfstoff gegen die Schweinegrippe reagiert, indem sie eine eigene bis dahin nicht existierende nationale Produktion aufgebaut hätten, um sich vom Ausland unabhängig  zu machen. Ähnlich habe seinerzeit auch Russland reagiert. Um Protektionismus gehe es dabei nicht betont Hosseini von Roland Berger. Generell sei die Globalisierung auch was die weltweite Arzneimittelversorgung anbelangt ein Segen. „Aber Antibiotika sind die wirksamsten Medikamente im  Schrank des Apothekers. Das sollte man schon auf Nummer sicher gehen.“

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