Aschermittwoch der CSU
Angst und Schrecken in Passau

„Super Wednesday“: Die CSU bibberte den Aschermittwochsauftritten von Parteichef Erwin Huber und Ministerpräsident Günther Beckstein entgegen. Völlig zu Recht. Denn die Tandem-Führung kann es mit den Brandreden ihres geliebten Vorgängers Stoiber noch lange nicht aufnehmen.

PASSAU. Früher war alles besser, der Fasching, der Aschermittwoch, der bayerische Ministerpräsident. Besonders Letzterer, eine Art Zentralfigur der organisierten Aschermittwochwitzelei. Seinen Nachfolgern hat Edmund Stoiber eh mit rhetorischen Höhenflügen eine extrem hohe Latte gelegt, die für die weiß-blaue Ewigkeit Geltung hat – und die sich dennoch in einem einzigen Satz ablesen lässt:

„Wenn Sie vom Hauptbahnhof in München mit zehn Minuten, ohne dass Sie am Flughafen noch einchecken müssen, dann starten Sie im Grunde genommen am Flughafen am Hauptbahnhof in München, starten Sie Ihren Flug zehn Minuten, schauen Sie sich mal die großen Flughäfen an, wenn Sie in Heathrow in London oder sonst wo, meines Charles de Gaulle, in Frankreich, oder in, in, in, in, in Rom, wenn Sie sich mal die Entfernungen ansehen, wenn Sie Frankfurt sich ansehen, dann werden Sie feststellen, dass zehn Minuten Sie jederzeit locker in Frankfurt brauchen, um Ihr Gate zu finden. Wenn Sie vom Flug-, äh, vom Hauptbahnhof starten, Sie steigen in den Hauptbahnhof ein, Sie fahren mit dem Transrapid in zehn Minuten an den Flughafen, in, an den Flughafen Franz Josef Strauß, dann starten Sie praktisch hier am Hauptbahnhof in München – das bedeutet natürlich, dass der Hauptbahnhof im Grunde genommen näher an Bayern, an die bayerischen Städte heranwächst, weil das ja klar ist, weil aus dem Hauptbahnhof viele Linien aus Bayern zusammenlaufen.“

Um es vorwegzunehmen: Zu solchen Höhenflügen, zu solch einem zeitlosen Klassiker sind Erwin Huber und Günther Beckstein, die sich in Passau die Last des Fröhlichseins teilen müssen, gar nicht erst angetreten. Dafür sind sie bei weitem nicht so tief gestürzt wie dereinst Edmund „Ikarus“ Stoiber. „Das lag daran, dass unter Stoiber noch geraucht werden durfte und die Luft viel heißer war im Saal“, stellt ein feinsinniger und passionierter Besucher der Dreiländerhalle zu Passau fest.

Hinterm Passauer Ortsschild, unweit der Dreiländerhalle, endete vor nicht langer Zeit Europa, der Westen. Vielleicht gilt deshalb gerade in der Bischofsstadt der Kommunismus als höchst vital und brandgefährlich. „Ich rufe uns zur Wachsamkeit auf! Es gilt, ein sozialistisches Deutschland zu verhindern“, ledert CSU-Chef Huber gegen den eher imaginären Gegner. Da sind aber am Mittag schon etliche Maß Bier gekippt und haben einige schwarze Opas sichtlich Mühe, ihre roten Köpfe überm Maßkrug zu balancieren.

Wegen solcher Mixtur – strammem Antikommunismus plus ungebremst fließendem Bier – gilt Passau und der Aschermittwoch vielen Politjunkies als der einzige Ort der Welt, an dem sich eine Reise mitten ins Herz der Alpträume Bayerns auf ungefährliche Weise antreten lässt. Beim „Super Wednesday“ der CSU. Der tiefste Alptraum bleibt der Kommunismus. So verspricht Exorzist Huber in der Bischofsstadt: „Passau wird immer ein Bollwerk gegen den Kommunismus sein.“ Hoch und heilig schwört er das allen Besuchern der Stadt – als gelte es, ein Hochamt der Realitätsflucht zu zelebrieren.

Selten zuvor schaute die bayerische Welt so gebannt nach Passau wie diesmal. Alle befürchteten die erste Blamage des neuen Tandems an Bayerns Spitze. Denn heuer treten Erwin Huber, vom Hochsitz der Partei herabkletternd, und Günther Beckstein, vom Feldherrnhügel der Staatskanzlei gesprungen, ihre heikle Mission in Sachen Humor an. Brüderlich teilen sie sich die herkulische Last, in die Fußstapfen jenes noch allgegenwärtigen Landesherren zu treten, den sie selber vor Jahresfrist mit Hilfe der Latex-Landrätin stürzten. In diesen ihren sündigen Herzen aber echot das Requiem für Stoiber, das genau hier in der Dreiländerhalle vor Jahresfrist angestimmt worden war, in bedrohlicher Frische nach. Dieser Tag mit den tosenden Ovationen für Edi I. hat unverrückbaren Einlass in die politische Folklore Bayerns gefunden. Für immer klingen die Gunstbezeugungen der Parteibasis für ihren Edi so dringlich wie ein unkontrollierbarer Tinnitus. So auch diesmal.

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