Aschermittwoch in Cuxhaven
Kaffeefahrt zu Frank-Walter

Wer in Cuxhaven lebt, kennt nur noch eine Nachbarstadt: New York. Das jedenfalls sagen die Menschen am Zipfel der Nordsee von ihrer Stadt. Frank-Walter Steinmeier kennt den Weg in die US-Metropole gut, häufig war er schon als Außenminister dort. Den Weg ins Nordsee-Heilbad aber findet der Wahlkämpfer Steinmeier nicht auf Anhieb. Dabei soll er seine erste Rede bei einem politischen Aschermittwoch halten.

CUXHAVEN. "Bitte haben sie Geduld, bleiben sie im Saal", ruft der Moderator der wartenden Menge zu. An diesem nasskalten Morgen sind es vor allem Senioren, die den Weg mit Bussen in die Kugelbake-Halle gefunden haben. Aus allen Bezirken der SPD in Niedersachsen und Bremen sind sie gekommen. Der Charme einer Kaffeefahrt verbreitet sich. Die Lettern "Anpacken. Für unser Land" vorne auf der Bühne verraten zumindest, dass es gleich um Politik gehen wird, nicht um Heizdecken.

In der Halle, nur wenige Meter vom Deich und dem Meer entfernt, ist nicht Bayern, nicht Vilshofen, die Geburtsstätte des politischen Aschermittwochs. Es ist ein Ambiente, wie für den eher trockenen Steinmeier geschaffen. Er wolle "keine Mätzchen" im Krisenjahr, wird er später sagen. Also trinken sie hier im hohen Norden Kaffee statt Bier wie in Bayern. Bier ist verboten, erklärt eine Kellnerin den Gästen und reicht zumindest eine bayerische Brezn rüber. Die rund 1 000 Gäste sitzen auf Stühlen, nicht an Biertischen.

Gut eine halbe Stunde zu spät marschiert er dann ein. Steinmeier wagt sich humoristisch an die Zuhörer. Es habe eine Revolution gegeben, sagt er. In Celle. Die Genossen applaudieren, weil doch einer von ihnen endlich nach 60 Jahren dort Oberbürgermeister geworden ist. "Die schwarze Lokalzeitung", sagt Steinmeier, habe 14 Tage vorher noch behauptet, der SPD-Kandidat komme nur auf 13 Prozent. Applaus im Saal, Steinmeier lacht - auch weil er selbst lange in Celle gelebt hat. "Das macht Mut in einem Jahr, in dem wir Mut brauchen", sagt er.

Dann aber wird er ernst und entwirft sein Modell, mit dem er sich als Mann in der Krise empfehlen möchte. Er redet vom "tiefsten Einschnitt, den wir seit dem Fall der Berliner Mauer erleben". Er sei nicht hier, um alles schön zu reden oder "eine Stimmung zu erzeugen, in der wir uns darüber lustig machen".

Im Superwahljahr nutzen die Genossen den politischen Aschermittwoch lieber, um für sich zu werben. Steinmeier tritt an diesem Tag gleich zweimal auf, ebenso Parteichef Franz Müntefering und Generalsekretär Hubertus Heil. Insgesamt 19 Termine hat die SPD bundesweit arrangiert.

Im vergangenen Jahr noch trat Kurt Beck in Vilshofen auf und jubilierte in bayovarischer Manier über das tolle Wahlergebnis in Hessen. Ein Jahr später ist Beck weg und die Genossen reimen auf Hessen "vergessen", weil Roland Koch nun doch weiter regiert.

Die Polterei überlässt Steinmeier seinem Parteichef, der zeitgleich in Ludwigsburg der Union vorwirft, sie sei "nicht mehr in der Lage, das Land verantwortlich zu regieren". Steinmeier gibt sich lieber staatsmännisch. Mit der Finanzkrise sei eine Weltanschauung "bankrott". Die SPD habe die Chance, in ein neues, ein soziales Jahrzehnt zu führen. "Anpacken, kümmern, ändern - darum geht's", ruft er der Menge zu. Die klatscht zufrieden.

Nach fast einer Stunde darf es dann doch noch mal etwas zum Lachen sein. "Philipp Mißfelder", sagt er. "Ein 29-jähriger Jüngling" sei der und meine, dass mehr Geld für Hartz-IV-Empfänger allein der Tabak- und Spirituosenindustrie zugute komme. "Solche Leute werden den Kampf gegen Kinderarmut nicht zu ihrer Herzensangelegenheit machen", ruft er und schlägt dabei mehrfach auf den Tisch. Die Zuschauer klatschen.

Von Chaos in der SPD jedenfalls sei nicht mehr die Rede. In der Zeitung habe er Wörter wie "Eiertanz" und "Hühnerhaufen" gelesen, "alles nicht über uns - über die anderen", sagt er. "Das Land ist in schwerer See, die Union diskutiert über den richtigen Kurs, die Brücke ist unbesetzt."

Und dann sei da noch die Regionalpartei CSU, die über den Proporz zwischen Franken und Niederbayern diskutiere und deshalb den Wirtschaftsminister in der Krise austausche. "Der heißt", sagt Steinmeier und liest genüsslich die zehn Vornamen Karl-Theodor zu Guttenbergs vor. "Ich fühle mich mit Frank-Walter gut bedient", kontert er. Die Masse johlt. Nun dürfen also alle weiter Frank-Walter sagen und nicht nur Frank, wie in den letzten Tagen immer wieder im SPD-Lager diskutiert wurde.

Nach seiner Rede trifft sich Steinmeier mit dem Landesvorsitzenden Garrelt Duin und anderen Spitzengenossen der Niedersachsen-SPD in einem Restaurant mit Hafenblick, von wo aus er sich vorstellen kann, mit dem Schiff direkt nach New York zu fahren. Zu mehr bleibt keine Zeit, denn der Außenminister muss im Land bleiben, um als Wahlkämpfer im Saarland seine zweite Bewerbungsrede im politischen Aschermittwoch zu halten.

Dr. Daniel Delhaes
Daniel Delhaes
Handelsblatt / Korrespondent
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