Atomausstieg Experte: Meilerstopp führt zu Kostenexplosion

Ein schneller Atomausstieg könnte teuer werden, warnt Thomas Bareiß, energiepolitische Sprecher der Unionsfraktion: "Wenn wir zurückgehen auf den rot-grünen Ausstiegsbeschluss, fehlen uns 15 Milliarden Euro."
29 Kommentare
Strommast: Energieimporte aus dem Ausland können das Problem nicht lösen, sagt Unionssprecher Thomas Bareiß. Quelle: dpa

Strommast: Energieimporte aus dem Ausland können das Problem nicht lösen, sagt Unionssprecher Thomas Bareiß.

(Foto: dpa)

BerlinHerr Bareiß, Sie mahnen in diesen Tagen zu mehr Realität. Warum ist ein schneller Atomausstieg kein Spaziergang?

Bareiß: "Zum einen muss man sich die Einnahmeseite anschauen. Wenn wir zurückgehen auf den rot-grünen Ausstiegsbeschluss, fehlen uns mindestens 15 Milliarden Euro durch weniger Einnahmen bei der Kernbrennstoffsteuer und beim neu geschaffenen Fonds zum Ausbau der erneuerbaren Energien."

Wo soll das Geld herkommen? Etwa aus dem Haushalt?

Bareiß: "Angesichts von Schuldenbremse und Euro-Krise bin ich da nicht sehr hoffnungsfroh. Auf die Verbraucher kommen Mehrbelastungen zu, die Strompreise werden also steigen. Und wir müssen auch an die Industrie denken. Energiepreise sind heute schon ein wesentlicher Faktor für Unternehmen bei der Standortwahl. Das Ganze darf keine Arbeitsplätze gefährden. Das, was wir jetzt vorhaben, stellt eine gewaltige Herausforderung dar. Wir können nicht in drei, vier Jahren den Schalter von Atom- auf Grünstrom umlegen."

Greenpeace sagt doch, wir könnten bis 2015 auf alle Kernkraftwerke verzichten. Warum geht der Ausstieg nicht so schnell?

Bareiß: "Das halte ich nicht nur für unsinnig, sondern sogar gefährlich. Unabhängige Stromnetzbetreiber sagen, wenn ganz Europa jetzt so handeln würde wie wir, würde uns das ganze System um die Ohren fliegen. Wir gehen in Deutschland schon sehr egoistisch vor, wir wollen bei uns schnell abschalten und bauen aber auf die Grundlast-Stromerzeugung aus Ländern wie Frankreich, Tschechien und Polen, wenn bei uns zu wenig Wind weht oder die Sonne nicht scheint. Bisher wird in Deutschland fast 50 Prozent der Grundlast von der Kernenergie abgedeckt, das ist nicht einfach zu ersetzen."

Viel wird jetzt über einen Parteienkonsens geredet, um das Streitthema Atomkraft ein für allemal zu lösen. Sind Sie optimistisch, dass eine Einigung mit der Opposition gelingt?

Bareiß: "Klar ist: Der Ausstiegsprozess wird jetzt beschleunigt. Bevor wir aber über einen Parteienkonsens reden, muss sich zuerst einmal die Koalition einig sein, was sie will."

Wo sehen Sie bei der Energiewende die größten Potenziale?

Bareiß: "Vor allem beim Offshore-Wind, weil dieser verhältnismäßig konstant und öfter vorhanden ist. Wir geben viel zu viel für ineffiziente Bereiche wie die Solarenergie aus. Auch die Biomasse muss wachsen. Die Erneuerbaren stecken noch in den Kinderschuhen und sind noch nicht Teil des Marktes und des Wettbewerbs. Es wird auch darauf ankommen, dass sie schneller erwachsen, also marktfähig werden, statt über 20 Jahre von fixen Einspeisevergütungen abzuhängen. Und wir müssen beim Energiesparen vorankommen."

Wie soll der Verbraucher hier mitgenommen werden?

Bareiß: "Wir brauchen mehr Transparenz in den Kostenstrukturen. Der Verbraucher muss sehen, wo das Geld hingeht. Wir müssen aber auch insgesamt immer sagen, das Ganze kostet sehr viel. Wir brauchen daher in der Debatte mehr Pragmatismus und mehr Realitätssinn."

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
  • dpa
Startseite

Mehr zu: Atomausstieg - Experte: Meilerstopp führt zu Kostenexplosion

29 Kommentare zu "Atomausstieg: Experte: Meilerstopp führt zu Kostenexplosion"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • WMüde,

    bezüglich des Gutachtens des Sachverständigenrats, der die Möglichkeit einer "vollständige[n] Stromversorgung durch erneuerbare Energien bis 2050" nachweist, sprechen Sie - unredlich und wahrheitswidrig - von einem "ganz wichtigen Mangel".

    Pierre weist Ihnen nach, dass dieser behauptete Mangel gar nicht existiert.

    Statt sich für Ihre Unterstellung zu entschuldigen, verfallen Sie in beredtes Schweigen.

    Damit ist zumindest Ihre These eines "immer kleiner werdenden Kreis[es] ehrlicher Menschen" recht eindrucksvoll belegt.

  • WMuede,

    statt über eine "faschistoide Ökodiktatur" zu fabulieren, sollten Sie sich lieber mit den Fakten vertraut machen.

    Der Sachverständigenrat berechnet zwei Szenarien.
    Eines mit moderatem Rückgang des Stromverbrauchs (wie es in der überwiegenden Mehrzahl der veröffentlchten Untersuchungen für wahrscheinlich gehalten wird), und eines mit moderatem Anstieg des Stromverbrauchs.

    In beiden Szenarien ist eine vollständige Stromversorgung durch erneuerbare Energien bis 2050 problemlos möglich.

  • Das Gutachten des SRU leidet wie andere im Zusammenhang damit stehende Papiere des BMU an einem ganz wichtigen Mangel. Ausgehend vom gewünschten Ergebnis sind die Annahmen für die Stromverbrauchsentwicklung zielgerichtet zurück gerechnet worden.
    Entgegen den Annahmen des SRU wird der Stromverbrauch moderat aber spürbar steigen, dafür sorgen schon Substitutionseffekte.
    Die prognostizierten Effizienzsteigerungen sind in ihrer Höhe völlig aberwitzig. In Deutschland hat sich statistisch die Effizienz nur einmal gesteigert, als nämlich 1990 die ehemalige DDR auf das Niveau der Bundesrepubklik gehievt wurde. Seitdem sind bei der Effizienz keine nennenswerte Fortschritte zu verzeichnen gewesen.
    Das Gutachten des SRU ließe sich noch weiter kommentieren. Nur noch ein Hinweis: Die Einführung von E10 und das Glühlampenverbot der EU zeigen, dass die Bürger sich nicht zwingen lassen. Der Weg, den das SRU beschreibt, läßt sich aber ohne Zwang und Kontrolle der Bürger nicht beschreiten.
    Wir werden Stück für Stück in eine Blockwartdiktatur hineingedrückt, gegen die wir uns rechtzeitig zur Wehr setzen müssen. Eine faschistoide Ökodiktatur auf deutschem Boden sollten wir mit allen Mitteln verhindern!

  • Das ist ja so schlecht, dass es schon wieder lustig ist.

    "Das beinhaltet nicht die Kapitalkosten, aber die Produktionskosten für Atomstrom sind sehr niedrig."

    Wer die Kosten der Energieversorgung betrachten will und dabei die Kapitalkosten nicht berücksichtigt, hat so offensichtlich keine Ahnung von der Thematik, dass er nicht einmal ansatzweise ernst genommen werden kann. Die Kapitalkosten machen bei der Atomenergie, der Wasserkraft, der Windenergie und der Photovoltaik den Löwenanteil der Gesamtkosten aus. Die Produktionskosten der Photovoltaik ohne Kapitalkosten liegen knapp über null. "Produktionskosten ohne Kapitalkosten" ist kein Maßstab, mit dem man irgend etwas bewerten könnte.

    Dass der gute Herr Moore mit unhaltbaren Zahlen arbeitet und dann noch großzügig die Kosten der Endlagerung und die Kosten und Risiken schwerer Unfälle verschweigt, ist nicht sehr überraschend. Bei Energieversorgern in den USA werden für neue Atomkraftwerke teilweise Kosten von 15-30 Cents pro Kilowattstunde gehandelt. Und da sind die staatlichen Subventionen für die Atomenergie schon drin. Die Ratingagentur Moodys hat bereits angekündigt, bei Energieversorgern, die auf die Idee kommen, Atomkraftwerke zu bauen, das Rating zu reduzieren. Grund: Die exorbitanten Kapitalkosten.

    Wer sich wissenschaftlich fundiert über eine moderne Energieversorgung informieren will, liest das Gutachten des Sachverständigenrats für Umweltfragen der Bundesregierung: "Vollständige Stromversorgung durch erneuerbare Energien bis 2050"

    Abrufbar unter http://www.umweltrat.de/SharedDocs/Downloads/DE/02_Sondergutachten/2011_Sondergutachten_100Prozent_Erneuerbare.pdf?__blob=publicationFile

  • Patrick Moore - Mitbegründer von Greenpeace:

    Ausser der Wasserkraft, die ich auch sehr stark unterstütze, ist die Atomkraft die einzige Technologie, neben fossilen Brennstoffen, die eine kontinuierliche Energiequelle im grossen Massstab zur Verfügung stellt, und ich meine eine auf die man sich 24 Stunden am Tag verlassen kann, sieben Tage die Woche. Wind und Sonnenenergie sind sporadisch und deshalb unzuverlässig. Wie kann man Spitäler und Fabriken und Schulen oder sogar Häuser mit einer Stromversorgung betreiben, die für drei oder vier Tage verschwindet? Wind kann eine kleine Rolle in der Reduzierung des Verbrauchs an fossilen Brennstoffen spielen, denn man kann diese ausschalten wenn der Wind bläst. Und Sonnenenergie ist völlig lächerlich. Die Kosten sind so hoch, die Subventionen des Staates Kalifornien in Höhe von $3.2 Milliarden fliessen nur zu den Firmen in Silicon Valley und zu den Beratern. Es ist ein Witz.

    Eine Anzahl Analysen sagen, dass die Atomkraft nicht konkurrenzfähig wäre, und dass ohne Staatssubventionen, gebe es keinen wirklichen Markt dafür.

    Das ist einfach nicht wahr. Die massiven Subventionen gehen in die Wind- und Sonnenenergie. Ich weiss, dass Frankreich, das ja 80% des Stromes mit Atomkraft produziert, nicht hohe Energiekosten hat. Schweden, das 50% seiner Energie mit Atomkraft und 50% mit Wasserkraft produziert, hat sehr annehmbare Energiekosten. Ich weiss, dass die Produktionskosten für Strom in den 104 Atomkraftwerken der USA 1.68 Cents pro Kilowattstunde betragen. Das beinhaltet nicht die Kapitalkosten, aber die Produktionskosten für Atomstrom sind sehr niedrig, und konkurrenzfähig mit der schmutzigen Kohle. Gas kostet dreimal so viel wie Atom, mindestens. Wind kostet fünfmal so viel, und die Sonnenenergie 10 Mal mehr.

    http://alles-schallundrauch.blogspot.com/2008/04/greepeace-grnder-befrwortet-atomenergie.html#ixzz1JABBPbea

  • Fällt Ihnen auf meine Frage etwa keine Antwort ein? Sollte das daran liegen, dass es keine vernünftige Antwort gibt?

    Also, noch einmal:

    Wenn die Kosten und Risiken einer "Apokalypse", wie Sie es nennen, so gering sind: Warum schließt die Atomindustrie dann nicht eine Haftpflichtversicherung mit ausreichender Deckungssumme ab, wie es für jeden Autofahrer vorgeschrieben ist? Warum soll der Steuerzahler ein Kostenrisiko von 5000 bis 10000 Milliarden Euro tragen, während die Deckungssumme der Haftpflichtversicherung der Atomkraftwerksbetreiber nur 0,25 Milliarden Euro beträgt?

  • Ich sehe den Tatsachen ins Auge,das ist alles !
    Einige Fakten lassen sich nicht relativieren.
    So der bisherige Energiepreisanstieg,der tatsächliche Energieimport aus Frankreich wobei uns doch permanent versichert wurde das genau das nicht geschehen würde .
    Aber die Krönung des ganzen ist der forcierende Ausbau der Anlage von Temelin der auf Grund der deutschen Abschaltungen stattfinden wird !
    Die Künftige (tatsächliche) Strompreisentwicklung dürfte klar und selbst von Anhängern rot/grüner Politik nicht zu bestreiten sein.
    Es wird sehr - sehr viel teurer !!!

  • @Energieelite
    Danke für die Zitate!
    Aber auch Sie scheinen ein "Reaktionär" und "Atomlobbyist" zu sein, der sich den ökodiktatorischen Tendenzen in Politik und in einigen Kommentaren nicht beugen will.

  • Das Bundesumweltministerium schätzt den energiewirtschaftlichen Sachverstand des Sachverständigenrats offenbar etwas anders ein als Sie.

    Aber dass Sie lieber, ganz im Sinne der Atomlobby, die Kosten und Risiken der Atomenergie verharmlosen, überrascht mich nicht. Wenn die Kosten und Risiken einer "Apokalypse", wie Sie es nennen, so gering sind: Warum schließt die Atomindustrie dann nicht eine Haftpflichtversicherung mit ausreichender Deckungssumme ab, wie es für jeden Autofahrer vorgeschrieben ist? Warum soll der Steuerzahler ein Kostenrisiko von 5000 bis 10000 Milliarden Euro tragen, während die Deckungssumme der Haftpflichtversicherung der Atomkraftwerksbetreiber nur 0,25 Milliarden Euro beträgt?

  • Hundt warnt vor Abwanderung der Unternehmen

    02.04.2011, 15:47 Uhr
    exklusiv Wenn grün-rote Politik in Baden-Württemberg den Strompreis hochtreibt, könnten Unternehmen aus dem Bundesland abwandern, warnt der schwäbische Unternehmer und BDA-Präsident Dieter Hundt im Interview mit dem Handelsblatt.

    http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/hundt-warnt-vor-abwanderung-der-unternehmen/4016756.html

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%