Atomausstieg
Milliardenpoker um Klimaschutz

Durch den politisch verordneten Ausstieg aus der Atomkraft drohen der deutschen Energiewirtschaft zusätzliche Investitionen von bis zu 32 Mrd. Euro. Das ist das Ergebnis einer Studie von Ernst & Young, die dem Handelsblatt vorliegt. Bis 2020 muss die Hälfte aller Kraftwerke in Deutschland erneuert werden. In welche Energieträger investiert wird, beeinflusst maßgeblich die Höhe der Ersatzinvestitionen. Die Energiebranche fordert daher, die Frage des Atomausstiegs beim nächsten Energiegipfel im Oktober zu behandeln.

BERLIN / DÜSSELDORF. „Wir sind in einer besonderen Situation, weil einerseits enorme Investitionen bevorstehen, die Politik aber andererseits keine klaren Rahmenbedingungen setzt“, sagte Helmut Edelmann, Energie-Experte bei Ernst & Young. „Die große Unbekannte ist die Laufzeit der Kernkraftwerke.“

Die Studie zeigt mehrere Szenarien auf. Das „Klimaschutz-Szenario“ wird für die Branche am teuersten. Es geht davon aus, dass der Atomausstieg erfolgt und zugleich der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung bis zum Jahr 2020 auf 25 Prozent steigt. Sollte dieses Szenario Realität werden, müssten die Energiekonzerne nach Berechnungen von Ernst & Young bis 2020 insgesamt 100 Mrd. Euro investieren. Dagegen würde das „Szenario des freien globalen Marktes“ lediglich Investitionen von 68 Mrd. Euro bis 2020 erforderlich machen. Diese Variante unterstellt allerdings, dass die Atomkraftwerke 60 Jahre am Netz bleiben. „Das hat enorme Auswirkungen auf die Struktur des Energiemix und damit auch auf alle anderen Energieträger“, heißt es in der Studie. Die erneuerbaren Energien würden sich schwächer entwickeln und nur 15 Prozent zur Stromversorgung beitragen.

Politisch sollen die Weichen beim Energiegipfel gestellt werden, zu dem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) für Anfang Oktober einlädt. Die Energiebranche drängt darauf, das Thema Atomkraft in den Mittelpunkt zu stellen. Die Bundesregierung will dies jedoch vermeiden. Die drei Arbeitsgruppen, die den Gipfel derzeit vorbereiten, haben das Thema bislang weitestgehend ausgeklammert, weil es zwischen den Koalitionspartnern Union und SPD heftig umstritten ist. Die SPD besteht darauf, an dem von der rot-grünen Vorgängerregierung mit den Energiekonzernen vereinbarten Atomausstieg festzuhalten. Bleibt es dabei, gehen noch in dieser Legislaturperiode mindestens vier Atomkraftwerke (Biblis A, Biblis B, Neckarwestheim 1, Brunsbüttel) vom Netz. Führende Unionspolitiker, darunter Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) und der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU), wollen die Atomkraftwerke dagegen länger am Netz lassen.

Die Branche kritisiert seit langem, ein Energiegipfel, der das Thema Atomkraft ausklammere, ergebe keinen Sinn. Der Gipfel soll die Basis bereiten für ein langfristiges energiepolitisches Konzept, das die Regierung in der zweiten Hälfte des kommenden Jahres vorlegen möchte. „Dieses Konzept wird uns nicht helfen, wenn man einen wesentlichen Energieträger einfach ignoriert“, sagt ein Energie-Manager. In den USA zeichnet sich bereits eine Renaissance der Kernkraft ab. Der US-Konzern General Electric entwickelt eine neue Reaktorgeneration, da er mit einer neuen, weltweiten Nachfrage nach Kernkraftwerken rechnet.

In Deutschland hat die Kernenergie einen Anteil von 29 Prozent an der Stromerzeugung. Bleibt es beim Atomausstieg, geht 2021 der letzte Meiler vom Netz. Die Kritiker des Ausstiegsbeschlusses bezweifeln, dass sich der wegfallende Atomstrom bis 2021 kostengünstig und klimafreundlich ersetzen lässt.

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