Atomdebatte
Deutsche Atomkonzerne in Defensive

Die Atomkonzerne sperren sich gegen Forderungen nach einem Ausstieg aus dem Ausstieg. Die CDU will alle Reaktoren prüfen, die SPD verlangt eine sofortige Abschaltung. Die Kanzlerin dagegen bekennt sich zur Kernkraft.
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DüsseldorfDie Kernenergiebranche erklärt, deutsche Reaktoren seien sicher. Die Politik bleibt skeptisch.

Nach dem Atomunglück in Japan hat Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) eine „unverzügliche sorgfältige Prüfung möglicher Konsequenzen für Baden-Württemberg“ angekündigt. Zur Frage einer Änderung der verlängerten Atomkraftwerk-Laufzeiten sagte Mappus am Sonntag in Mittelbiberach: „Ich stehe zu allen Diskussionen, was möglich ist, bereit.“ Atomkraftwerke im Südwesten, die nicht den Sicherheitsanforderungen entsprächen, müssten abgeschaltet werden. „Die Sicherheit unserer Kernkraftwerke muss höchsten Ansprüchen genügen. Deshalb werde ich eine Expertenkommission einberufen“, sagte Mappus. Die Kommission solle analysieren, was in Fukushima passiert sei und ob es in den Südwestmeilern Fehlerquellen gebe.

Die Kernenergiebranche warnt angesichts der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima allerdings vor übereilten Schlussfolgerungen. „Jeder deutsche Reaktor ist auf jeden Fall besser ausgerüstet als der in Fukushima“, sagte der Präsident  des Deutschen Atomforums, Ralf Güldner, dem Handelsblatt. Bei der Situation in Japan handele es sich um ein einmaliges Ereignis. „Da kamen zwei Naturkatastrophen zusammen, das Erdbeben und der Tsunami. Daraufhin brach im ganzen Land die Infrastruktur zusammen.  Eine Verkettung solcher außergewöhnlichen Naturkatastrophen ist für Deutschland nicht vorstellbar“, sagte Güldner. Die deutschen Reaktoren seien „auf alle möglichen Einwirkungen von außen ausgelegt, beispielsweise  auf Erdbeben und Überflutungen“. Man sei „jeweils weit über das hinaus gegangen, was notwendig ist, um den Einflüssen stand zu halten“, sagte der Präsident des Atomforums.

Güldner warnte davor, an der Laufzeitverlängerung für die deutschen Kernkraftwerke zu rütteln. „Ich glaube nicht, dass aufgrund einer  unglücklichen Verkettung zweier gewaltiger Naturereignisse in Japan ein  für Deutschland  langfristig  richtiges und plausibles  Konzept in Frage gestellt  werden sollte.“

SPD-Chef Sigmar Gabriel fordert unterdessen die sofortige Abschaltung alter Kernkraftwerke in Deutschland. Die alten, etwa nicht gegen Flugzeugabstürze geschützten Kraftwerke wie Brunsbüttel, Biblis A oder Neckarwestheim müssten vom Netz genommen werden, sagte Gabriel am Sonntag in Berlin. Zum Teil handele es sich um alte Siedewasserreaktoren wie bei den von einer Kernschmelze betroffenen Reaktoren in Japan.

Natürlich drohten in Deutschland keine Tsunamis oder Erdbeben der Stärke wie in Japan. „Aber auch dort war es am Ende die Stromversorgung, die die Probleme gebracht hat“, betonte Gabriel. Rein rechnerisch sei die Gefahr eines Super-Gau in Deutschland genauso groß wie in Japan, weil dort die Anlagen auf andere Gefahren ausgelegt seien. Gabriel forderte von der Bundesregierung zudem die Rücknahme der Laufzeitverlängerung sowie die sofortige Umsetzung des kerntechnischen Regelwerks. Deutschland müsse auch aus den Atomprogrammen der EU aussteigen.

Zugleich erklärte der SPD-Chef die Atomfrage zum Thema für die Landtagswahlen Ende März. Bundeskanzlerin Angela Merkel selbst habe die Debatte eröffnet, indem sie eine Überprüfung deutscher Atommeiler angekündigt habe. Nun müsse geprüft werden, ob es dabei nicht nur um den Versuch handele, die Bevölkerung vor den Landtagswahlen zu beschwichtigen. „Natürlich werden die Landtagswahlen mit darüber entscheiden, ob zum Beispiel in Baden-Württemberg ein absoluter und ignoranter Pro-Atomkurs von Herrn Mappus sich durchsetzt oder ob er gestoppt wird“, sagte Gabriel. Der SPD-Chef forderte eine Regierungserklärung der Kanzlerin.

In Baden-Württemberg gibt es die Atomkraftwerke Neckarwestheim I und II sowie Philippsburg I und II. Mappus steht am 27. März die Landtagswahl bevor.

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  • Wir können alle feststellen, das wir ohne die 7 Atomkraftwerke gut leben können, die jetzt für 3 Monate abgeschaltet werden.
    Somit kann jeder feststellen, das wir diese gar nicht brauchen - und diese somit wenn sie vom Netz genommen sind, gar nicht wirklich benötigt werden.
    Schrottmeiler stellen eine Gefahr für Deutschland da, die wir nicht benötigen.
    Ich bin der Meinung - wenn wir ohne die 7 Atomkraftwerke auskommen ohne jeglichen Verzicht, gehören diese abgebaut.
    Wozu noch Geld in eine Prüfung der Schrott AKW`s stecken - die keiner will und braucht.

    Das ist realistisch, nachvollziehbar, machbar und verantwortungsvoll.

    Diese Meinung vertreten 99% der Deutschen !!!!!!

    Merkel, Westerwelle und Co. haben die Bevölkerung bisher belogen und betrogen - wir können nachweisbar ohne die Schrott - Mailer (7 oder 8 Stück) leben.

    Die restlichen AKW´s sollten stillgelegt werden, wenn entsprechend andere Energiequellen ans Netz gegangen sind. Eins nach dem anderen - binnen der nächsten 5 bis 10 Jahren - was realistisch und durchführbar ist.

  • Dieses merkwürdige Phänomen Merkel, welches sich die CDU aus dem Osten eingehandelt hat, wird Deutschland sogar physisch an den Rand des Abgrundes bringen wenn Merkel und ihren Lakaien nicht gestoppt werden. Natürlich nur so weit wie man das augenblicklich weiß.

  • Frau Merkel sagte heute mehrfach: „Nach Allem, was wir wissen, ist die Sicherheit unserer Kernkraftwerke gegeben.“ Hier möchte ich Ihnen, Frau Merkel, entgegnen, dass uns genau aber das, was wir nicht wissen solche Sorgen machen muss, dass wir uns eine solch Tot-bringende Technik nicht leisten können und wir Bürger auch nicht wollen. http://faszinationmensch.wordpress.com/2011/03/13/kernkraftwerke-und-warum-es-ein-wiegen-in-sicherheit-nicht-geben-kann/

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