Atomenergie
Stillgelegt bis zur Wahl

Nach der jüngsten Pannenserie in deutschen Kernkraftwerken geht die Industrie auf Nummer Sicher: Nicht der kleinste, weitere Störfall soll den Kernkraft-Gegnern neue Munition liefern. Deshalb blieben am Wochenende sechs der 17 deutschen Reaktoren abgeschaltet. Vor der Bundestagswahl geht die Kernkraft-Lobby auf Tauchstation.

BERLIN. Die jüngste Pannenserie in deutschen Kernkraftwerken ist für die Anti-Atom-Bewegung ein gefundenes Fressen. Sechs von 17 Reaktoren waren am Wochenende wegen Betriebsstörungen oder Revision abgeschaltet, am Sonntag ging dann immerhin Block 2 des Meilers Philippsburg wieder ans Netz. Die Atomgegner nehmen die Zwangspause dankbar zum Anlass, um gegen die Kernenergie Front zu machen.

Die Atomindustrie ist von der Propagandaschlacht um die Pannen zunehmend genervt. "Wir bedauern, dass das Thema Kernkraft im Moment in der Öffentlichkeit oft sehr emotional diskutiert wird", sagt Maik Ressel, Sprecher des Lobbyverbands Deutsches Atomforum. "Aber wir alle merken täglich, dass Wahlkampf ist und der Bundesumweltminister das Direktmandat in seinem Wahlkreis gewinnen muss."

Doch obwohl mit der Pannenserie der vergangenen Wochen die Kernkraftdebatte in Deutschland wieder voll entflammt ist, verhält sich die Atomlobby derzeit auffällig ruhig. Wenige Wochen vor der Bundestagswahl hat sie nicht nur einige Meiler, sondern auch ihre Kommunikation notabgeschaltet. Die letzten Zwischenfälle in Krümmel, Philippsburg und Emsland wurden allesamt auf der internationalen Störfallskala "Ines" auf Level null eingestuft - als Ereignis ohne oder mit geringer sicherheitstechnischer Bedeutung.

Dennoch schickt sich nur das Atomforum als Branchenverband an, die Vorgänge zu kommentieren. Von den Kraftwerksbetreibern selbst hört man hingegen keine leidenschaftlichen Verteidigungsappelle für die Kernenergie. Kurz vor dem entscheidenden Urnengang will man in der Öffentlichkeit offenbar nicht noch mehr ungewollte Aufmerksamkeit erzeugen, die die Wähler in puncto Kernenergie verunsichern könnte.

Denn klar ist, dass die kommende Bundestagswahl wohl die letzte Chance sein wird, den Atomausstieg zu kippen, bevor Reaktoren auf breiter Front außer Dienst gestellt werden müssen. In der nächsten Legislaturperiode werden höchstwahrscheinlich auch Neckarwestheim, Isar 1, Unterweser und Philippsburg 1 ihre vereinbarten Reststrommengen verbraucht haben und dann endgültig vom Netz müssen. Das will die Branche mit aller Macht verhindern.

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