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08.07.2008 
Kernenergie

Atomkonzerne bieten der Politik ein Geschäft an

von Jürgen Flauger, Sven Afhüppe und Klaus Stratmann

Längere Laufzeiten für ihre Atomkraftwerke würden den Energieversorgern Milliardeneinnahmen sichern - dafür sind sie zu einigen Zugeständnissen an die Politik bereit. Doch noch pocht die Bundeskanzlerin auf eine andere Lösung des Klimaproblems.

Dürfte RWE das Kernkraftwerk Biblis länger betreiben, könnte der Konzern Milliardenbeträge einstreichen. Foto: APLupe

Dürfte RWE das Kernkraftwerk Biblis länger betreiben, könnte der Konzern Milliardenbeträge einstreichen. Foto: AP

DÜSSELDORF/BERLIN. Eine Revision des Atomausstiegs würde den deutschen Versorgern nach Analystenschätzungen milliardenschwere Zusatzeinnahmen bescheren. Die Konzerne sind aber bereit, einen substanziellen Teil davon für Forschung und Klimaschutz einzusetzen.

Deutschland müsse sich in der Frage der Kernkraftwerkslaufzeiten alle Optionen offenhalten, sagte Vattenfall-Chef Lars G. Josefsson, der auch Klimaberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel ist. „Es ist wichtig und gut, dass Politik und Gesellschaft über diese Frage einen offenen Dialog führen.“ EnBW-Chef Hans-Peter Villis forderte einen Kurswechsel: „Anstatt volkswirtschaftliches Vermögen in Milliardenhöhe zu vernichten, könnten wirtschaftliche Vorteile, die bei einer Laufzeitverlängerung entstehen, in die Energieforschung und den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien investiert werden. Die EnBW ist hierzu bereit“, sagte der Chef des drittgrößten Versorgers in Deutschland dem Handelsblatt. Ähnlich äußerte sich der Präsident des Deutschen Atomforums, Eon-Manager Walter Hohlefelder. Eine direkte Entlastung der Stromkunden wird zwar noch nicht öffentlich diskutiert, gilt in der Branche aber auch als Verhandlungsmasse.

Nach dem im Jahr 2000 mit der damaligen rot-grünen Bundesregierung ausgehandelten Kompromiss müssen die vier Betreiber von Atomkraftwerken, Eon, RWE, EnBW und Vattenfall Europe, ihre Anlagen im Schnitt nach 32 Jahren vom Netz nehmen. In den kommenden zwei Jahren wären mit Biblis A, Brunsbüttel, das von Vattenfall und Eon gemeinsam betrieben wird, und Neckarwestheim I alle vier Versorger betroffen. Sie erhoffen sich durch die gegenwärtige Debatte um Klimaschutz und Energiepreise aber eine politische Unterstützung, um den Beschluss zu revidieren. Sie verweisen darauf, dass die Reaktoren praktisch CO2-frei Strom produzieren und zu niedrigen Betriebskosten 50 bis 60 Jahre lang laufen könnten.

Das Problem: Der wirtschaftliche Vorteil käme in erster Linie den Energiekonzernen selbst zugute. Nach Berechnungen der Analysten von Sal. Oppenheim hätte eine Verlängerung um acht Jahre etwa für RWE einen Barwert des zu erwarteten Cash-Flows von gut acht Mrd. Euro und für Eon von gut zwölf Mrd. Euro. Allein 2012 könnte etwa RWE mit einem zusätzlichen Cash-Flow von knapp 800 Mill. Euro kalkulieren, wenn Biblis A und B noch am Netz blieben. Konkurrent Eon, der dann eigentlich schon Brunsbüttel, Isar 1 und Unterweser hätte abschalten müssen, würde in diesem Jahr bei einer Revision des Atomausstiegs eine Mrd. Euro zusätzlich winken. Die Versorger weisen solche expliziten Berechnungen zwar als Spekulation zurück. Sal. Oppenheim hat aber die Betriebskosten der weitgehend abgeschriebenen Reaktoren in Bezug zur Prognose des Großhandelsstrompreises gesetzt. Und die sind, verglichen mit anderen Energieträgern, unschlagbar: Die Produktion einer Megawattstunde kostet die Versorger in Kernkraftwerken im Schnitt neun Euro, mit Braunkohle 42 Euro, mit Steinkohle 64 Euro und mit Gas 97 Euro.

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