Atomkraft
„Kein Hinweis, dass Gorleben ungeeignet ist“

Im Streit um ein deutsches Atommüllendlager plädiert der Nuklear-Experte Dirk Bosbach für eine weitere Erkundung des Zwischenlagers Gorleben. Im Interview erklärt der Leiter des Insituts für Energietechnik am Forschungszentrum Jülich zudem, was die Endlagerung eigentlich so schwierig macht und warum er eine Laufzeitverlängerung für deutsche Atomkraftwerke auch ohne Endlager für verantwortbar hält.
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Herr Bosbach, Sie erforschen mit der Nuklearen Entsorgung ein politisch umstrittenes Gebiet. Wie stehen Sie denn persönlich zur Atomenergie?

Ich sehe das eher pragmatisch. Es ist so, dass wir etwa 25 Prozent unseres Stromes aus Kernenergie erzeugen. Bei der Grundlast sind es sogar knapp 50 Prozent. Kernenergie leistet also einen großen Beitrag zu unserer Energieversorgung. Ich sehe nicht, wie es im Moment ohne Kernenergie gehen soll.

Zum Beispiel durch den Einsatz erneuerbarer Energieträger.

Ich sehe durchaus Potenzial bei den erneuerbaren Energien, auch bei den Brennstoffzellen. Wir müssen das unbedingt weiter verfolgen. Aber ein Land wie Deutschland braucht Strom, und das sicher und kostengünstig. Wahrscheinlich werden wir auch weiter Kohlekraftwerke haben, das wird sich nicht vermeiden lassen.

Noch gilt der vereinbarte Ausstieg aus der Atomenergie bis 2021. Bis dahin werden nach Schätzung des Bundesumweltministeriums über 10 000 Tonnen hochradioaktiver Müll angefallen sein, für den es bislang noch keine Endlagerstätten gibt. Was macht die Suche nach solchen Endlagerstätten eigentlich so schwierig?

Das Problem sind die langen Zeiträume, die man bei einer Sicherheitsanalyse beachten muss. In Deutschland sehen die Richtlinien vor, dass ein Sicherheitsnachweis einen Zeitraum von einer Million Jahren abdecken muss. Das ist sehr anspruchsvoll.

Ist denn eine Planung über einen derart großen Zeitraum überhaupt möglich?

Das kommt darauf an, wie detailliert die Planung sein soll. Wir können nicht exakt prognostizieren, was in den kommenden eine Million Jahre passieren wird. Aber das ist auch nicht entscheidend. Wir entwickeln Szenarien, die fragen: Was könnte passieren? Da gibt es bereits ganze Kataloge von Szenarien. So ist es beispielsweise sehr wahrscheinlich, dass wir innerhalb der nächsten 30 000 Jahren eine neue Eiszeit bekommen. Dann stellt sich die Frage, was unter diesen Umständen mit einer Endlagerstätte passiert. Für solche Szenarien kann man sehr wohl sinnvolle Aussagen machen, auch über einen langen Zeitraum hinweg.

Was wäre denn bei diesen Szenarien das risikoärmste?

Das risikoärmste wäre eine Endlagerstätte, bei der man sicherstellen kann, dass der radioaktive Abfall nicht mit Wasser in Kontakt kommt. Das Problem ist, dass in den meisten geologischen Systemen auch Wasser vorkommt. Salzstöcke sind da eine Ausnahme.

Das heißt, wir suchen nicht nach der „sicheren“ Endlagerstätte, sondern nach der, die die geringsten Risiken birgt?

Sie müssen letztlich nach einer Endlagerstätte suchen, die die gesetzlichen Rahmenbedingungen erfüllt und die Strahlenschutzverordnungen einhält. Was wir leisten können, ist, jeden Standort für sich gesehen zu prüfen. Ob man sich dann letztlich auch politisch für einen aus wissenschaftlicher Sicht geeigneten Standort entscheidet, ist eine andere Frage.

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