Auch Merkel
„Kriegsähnliche Zustände“ in Afghanistan

Bundesverteidigungsminister zu Guttenberg erhält Schützenhilfe von der Kanzlerin: Merkel schloss sich in einem Interview der Formulierung des Adeligen an und nannte die Zustände am Hindukusch "kriegsähnlich". Am Rande seines Besuchs in Afghanistan kündigte zu Guttenberg zudem eine erneute Truppenaufstockung an.
  • 0

HB KUNDUS/BERLIN. Bundeskanzlerin Angela Merkel übernahm die Formulierung des neuen deutschen Verteidigungsministers, der von "kriegsähnlichen Zuständen" in Teilen Afghanistan spricht. "Ich teile die Meinung von Verteidigungsminister zu Guttenberg", sagte Merkel der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Der Begriff Krieg aus dem klassischen Völkerrecht treffe allerdings auf die jetzige Situation nicht zu. Die Kanzlerin warb zugleich für eine neue Afghanistan-Konferenz Anfang 2010. Dort müsse eine Perspektive festgelegt werden, bis wann die afghanische Regierung selbst für die Sicherheit im Land sorgen könne. Derzeit sind in Afghanistan etwa 4500 deutsche Soldaten im Einsatz.

Deutschland wird Mitte Januar eine zusätzliche Einsatzkompanie mit 120 Soldaten ins nordafghanische Kundus entsenden. Das kündigte Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg am Freitag zum Abschluss seines Besuchs in der Unruheregion an. Die Truppen sollen die dort bereits stationierten 450 Eingreifkräfte verstärken - also jene Soldaten, die sich im Ernstfall Gefechte mit den Taliban liefern.

US-Präsident Barack Obama bekräftigte unterdessen, dass das Afghanistan- Engagement der USA "nicht endlos" sein werde. Eine Entscheidung über eine Truppenaufstockung und die weitere strategische Ausrichtung werde "bald" fallen, sagte er in Tokio zum Auftakt seiner Fernostreise. Das Ziel der Alliierten bleibe, den Afghanen die Verantwortung für ihre Sicherheit zu übertragen.

Zu Guttenberg war am Freitagmorgen zu einem aus Sicherheitsgründen nicht angekündigten Besuch in Kundus eingetroffen. Er wollte sich ein Bild von der Lage in der Region machen, wo am 4. September auf Befehl eines deutschen Obersts zwei von den Taliban gekaperte Tanklastwagen bombardiert worden waren. Dabei kamen nach Angaben der Nato bis zu 142 Menschen ums Leben - Aufständische, aber auch Zivilisten. Im Wiederaufbauteam in Kundus sind derzeit rund 1100 Soldaten stationiert, davon 1000 Deutsche und 100 Belgier.

Zu Guttenberg war am Donnerstag zu seinem ersten Afghanistan-Besuch nach Kabul gereist. Am Donnerstagabend hatte er in einer Rede vor Soldaten im Bundeswehr-Feldlager im nordafghanischen Masar-i-Scharif gesagt: "Afghanistan wird uns sicher noch eine Weile fordern." Der Einsatz müsse in "absehbarer Zeit auch einmal verzichtbar sein". Dafür müsse Afghanistan aber selbst für seine Sicherheit sorgen können. Die Bundesregierung werde dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai deutlich machen, "dass uns Lippenbekenntnisse nicht genügen".

Seite 1:

„Kriegsähnliche Zustände“ in Afghanistan

Seite 2:

Kommentare zu " Auch Merkel: „Kriegsähnliche Zustände“ in Afghanistan"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%