Auch Schröder findet Gefallen an der Show
Das höchste Amt – und das mächtigste

Horst Köhlers Wahl nutzt Angela Merkels Ambitionen. Der künftige Bundespräsident muss zeigen, dass er mehr ist als ein Vehikel. Eine Handelsblatt-Reportage.

HB BERLIN. Ziemlich genau um 13.40 Uhr ist die Luft raus, inoffiziell zumindest. Im Plenarsaal lehnt sich Horst Köhler zurück. CSU-Chef Edmund Stoiber deutet ihm dezent eine versteckte Gratulation an. Zuvor hat schon Ex-PDS-Chef Gregor Gysi Angela Merkel ein freundliches Lächeln geschenkt. Als sich zehn Minuten später fünf Fotografen vor dem grauen Bundesadler aufbauen dürfen, ist klar: Horst Köhler hat es im ersten Wahlgang geschafft. Wie erwartet und wie von der Union schon seit Tagen hinausposaunt.

So zündet sie, die erste Stufe des schwarz-gelben Machtwechsels. Doch denkbar knapp an einer Blamage vorbei. Mit nur 604 Stimmen erhält Merkels Kandidat mit Ach und Krach eine Stimme mehr als im ersten Wahlgang nötig. Und selbst dieses Ergebnis kommt erst nach einer zusätzlichen Auszählung zu Stande. Beim ersten Mal hat Merkels Kandidat scheinbar nur 602 Stimmen sammeln können. Da ging die Zählkommission lieber noch einmal ans Werk.

Konservative und Liberale preisen indes dennoch unverdrossen das „hervorragende Signal, auch in anderen Bereichen eine Mehrheit zu erreichen“. So tönt Edmund Stoiber, doch auch FDP-Chef Guido Westerwelle schwelgt angesichts des knappen Finishs von einem „klaren politischen Signal“. Das hat etwas Bizarres an sich. Immerhin haben mindestens 18 Abtrünnige Merkel Essig in den Wein gegossen.

Wolfgang Schäuble, der heimliche Aspirant, ist bei der Auszählung der Stimmen längst nicht mehr im Reichstag. Direkt nachdem er seinen Wahlschein in die Urne wirft, lässt er sich schon aus dem Festakt herausschieben, der auch der Seine hätte werden können. So kann er nicht mehr miterleben, wie ein kurzzeitig von der Rolle geratener Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) mit der Nationalhymne schon den Abschluss der Feier einleiten will, ohne dass der neue Präsident seine Rede gehalten hätte.

Köhler darf dann doch reden und blamiert sich nicht. Er hat sie in Variationen auf seiner zehnwöchigen Vorstellungstour durch Deutschland geprobt. „Für alle Deutschen und für alle Menschen, die hier leben“, will er Bundespräsident sein. Deutschland brauche eine „grundlegende Erneuerung: „Ich will Ihnen die Feststellung nicht ersparen, dass ich mir große Sorgen um die Wirtschaft und die soziale Sicherheit mache.“ Allein die Wetten im Bundestag laufen da noch, ob er sein bekanntes, offenes Bekenntnis zu dem „Land, dem ich viel zu verdanken habe“, wiederholen werde: „Ich liebe unser Land.“ Ja, er tut es wieder, ein bisschen dünn klingend, und befindet, ganz Weltmann: „Patriotismus und Weltoffenheit schließen sich nicht aus.“

Überraschend unsicher hält der frühere IWF-Direktor seine Rede. Nina Hoss, die auffallende Berliner Schauspielerin, von den Grünen nominiert, bleibt folglich eher unbeeindruckt: „Da muss er noch ein bisschen üben“, scherzt sie hernach allerfreundlichst lächelnd, lehnt indes den Vorschlag ab, dem neuen Präsidenten Nachhilfeunterricht in Rhetorik zu verpassen. Vielleicht liegt es daran, dass sie die ganze Wahlprozedur für „nicht besonders erregend“ hält. Damit steht sie nicht alleine da.

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