Auch von Koch überholt feiert SPD „grandiosen Wahlerfolg“
Ein Schuft und 3 595 Stimmen

Wahrscheinlich hat sich Hubertus Heil über den seltsamen Namen des Restaurants in seiner Kreuzberger Nachbarschaft nie Gedanken gemacht. Aber einen passenderen Ort für eine späte Stärkung als das "La Crapule" hätte der SPD-Generalsekretär der kleinen Runde im fünften Obergeschoss des Willy-Brandt-Hauses kaum vorschlagen können.

BERLIN. Unten im Atrium der Parteizentrale, wo sich an Wahlabenden das gemeine Volk drängelt, waren die Biervorräte am Sonntag längst geräumt und die Fernsehschirme ausgeschaltet worden, als die Agenturen um 23.23 Uhr endlich das Ergebnis der Hessen-Wahl meldeten.

Bis dahin schien die SPD als stärkste Partei aus dem Nervenkrimi hervorzugehen. Nun plötzlich lag Ministerpräsident Roland Koch mit seiner CDU einen Zehntelpunkt vor den Genossen. Das war der Moment, als Heil dem enttäuschten Parteichef Kurt Beck, dessen Büroleiter Wolfgang Wiemer und Schatzmeisterin Barbara Hendricks einen Umzug ins Feinschmeckerlokal "La Crapule" vorschlug. "Crapule" ist kein freundliches französisches Wort. Es bedeutet "Schuft" oder "Lump".

Am Morgen danach hat sich der Ärger bei den Genossen zumindest äußerlich gelegt. Natürlich sei es schade, dass die SPD den Wahlsieg so knapp verpasst habe, räumt Beck in der Sitzung des Parteipräsidiums ein. Doch an dem Erfolg ändere das gar nichts. "Wer hätte uns das vor drei Monaten zugetraut?" frohlockt der Ministerpräsident hinter verschlossenen Türen. Auch die linke Parteivize Andrea Nahles spielt den Patzer herunter. Nur eine "Nasenlänge" trenne die eigene Partei in Wiesbaden von der Union.

So viel ist klar: Die SPD versteht sich zumindest als gefühlter Sieger der Hessen-Wahl. So lauten denn auch Becks zentrale Botschaften für die wartenden Journalisten vor der Tür: Koch muss weg. Und: Die SPD hat "auf die richtigen Themen" gesetzt. Ausdrücklich verweist er auf das Neun-Punkte-Programm, das der Hamburger Parteitag beschlossen hatte. Darin wurden die Verlängerung des Arbeitslosengeldes, flexiblere Rentenübergänge und eine Begrenzung der Leiharbeit gefordert. Mit dem Beschluss leitete Beck die Abkehr von der "Agenda 2010" ein.

Nun überreicht der Mann mit der Igelfrisur zum vierten Mal in seiner Amtszeit nach einer Landtagswahl im Willy-Brandt-Haus den SPD-Kandidaten rote Gerbera und Rosen. Und nach Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Bremen erscheint in Hessen erneut eine - wie auch immer geartete - Regierungsbeteiligung der eigenen Partei wahrscheinlich. Dass Wolfgang Jüttner in Niedersachsen gleichzeitig das schlechteste Ergebnis der Geschichte einfuhr, gilt hier als eine Folge schicksalhafter politischer Gewalt, der man den Namen "Teflon-Wulff" verpasst hat, um sie zu verdrängen.

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