Auf eigenen Wunsch
Kein Staatsakt für Lambsdorff

Für den verstorbenen FDP-Ehrenvorsitzenden und früheren Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff wird es keinen Staatsakt geben. Das hatte Lambsdorff, der 82 Jahre alt wurde, selbst festgelegt. Auf dessen Wunsch hin soll eine Trauerfeier im Dom der Stadt Brandenburg an der Havel stattfinden.
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HB BERLIN. Lambsdorff war am Samstag im Alter von 82 Jahren in einem Bonner Krankenhaus gestorben. Nach Angaben des früheren FDP-Vorsitzenden und Außenministers Hans-Dietrich Genscher soll auf Wunsch von Lambsdorff eine Trauerfeier im Dom der Stadt Brandenburg an der Havel stattfinden, wo dieser viele Jahre als Domherr diente.

Die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, würdigte Lambsdorff als „einen aufrichtigen Freund. ... Sein Rat wird uns fehlen. Von Beginn an gehörte er zu den Unterstützern unserer gemeinnützigen Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen.“ Die deutschen Heimatvertriebenen seien Lambsdorff „dankbar für seine Unterstützung. Otto Graf Lambsdorff wird uns fehlen.“ Zwischen Steinbach und der FDP gibt es seit längerem Streit, weil die Liberalen aus Rücksicht auf den Nachbarn Polen die BdV-Präsidentin und CDU-Politikerin im Beirat der Vertriebenen-Stiftung verhindern wollen.

Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, Martin Salm, würdigte Lambsdorffs Verdienste um Zwangsarbeiter-Entschädigungen. Otto Graf Lambsdorff habe als Verhandlungsführer maßgeblich dazu beigetragen, dass 55 Jahre nach Kriegsende ein Kompromiss zur Entschädigung ehemaliger NS- Zwangsarbeiter gefunden worden sei. Als stellvertretender Kuratoriumsvorsitzender habe sich Lambsdorff von 2000 bis 2008 für die Ziele der Stiftung engagiert.

Führende FDP-Politiker und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatten Lambsdorff am Wochenende als menschlich wie politisch gleichermaßen herausragenden Liberalen gewürdigt. Bundespräsident Horst Köhler bezeichnete ihn als einen der bedeutendsten Politiker in der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Die Vorsitzenden der Partei Die Linke, Lothar Bisky und Oskar Lafontaine, sowie Linken-Fraktionschef Gregor Gysi hoben das Verdienst Lambsdorffs hervor, „schwierige, aber letztlich erfolgreiche Verhandlungen“ mit deutschen Unternehmen über die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern geführt zu haben. Als engagierter Verfechter marktliberaler Ideen habe er aber „so ziemlich das genaue Gegenteil von den Vorstellungen der Linken“ vertreten.

Genscher rief die Nachwuchspolitiker der FDP im Sender NDR-Info zu jener „Gradlinigkeit und Konsequenz“ auf, mit der Lambsdorff „seine Auffassungen vertreten hat, auch gegen große Widerstände“. Im „Tagesspiegel“ (Dienstag) schrieb Genscher: „Mit dem Tod von Otto Graf Lambsdorff ist die liberale Familie in Deutschland ärmer geworden. ... Das Land ist ärmer geworden, weil eine der prägenden Persönlichkeiten Nachkriegsdeutschlands von uns gegangen ist.“

Der FDP-Ehrenvorsitzende und frühere Bundespräsident Walter Scheel erklärte ähnlich: „Deutschland und die Liberalen haben einen ihrer Besten verloren. ... Er hat die soziale Marktwirtschaft wie kein anderer fortentwickelt.“ Familienunternehmer-Präsident Patrick Adenauer bezeichnete Lambsdorff als „bedeutendsten Wirtschaftspolitiker nach Erhard“. Die Tibet Initiative Deutschland würdigte Lambsdorffs „herausragenden Einsatz für Tibet“.

Graf Lambsdorff, der am 20. Dezember 83 Jahre alt geworden wäre, war von 1977 bis 1984 Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit. Von 1988 bis 1993 führte er die Bundes-FDP.

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