Auf Neuwahlen war niemand im Willy-Brandt-Haus gefasst - Ankündigung soll Flügelkämpfe in der SPD verhindern
Beiläufig zündet Müntefering die Bombe

Genau 22 Minuten dauert die Schockstarre im Willy-Brandt-Haus. Dann trat der Parteichef ans Rednerpult. Auf das, was er dann ankündigte, auf Neuwahlen, war niemand in der SPD-Zentrale gefasst. Diese Flucht nach vorn soll Flügelkämpfe in der SPD verhindern.

BERLIN. Genau 22 Minuten dauert die Schockstarre im Willy-Brandt-Haus. Pünktlich um 18 Uhr haben die Fernsehstationen der SPD ein Desaster an Rhein und Ruhr vorhergesagt. Fassungslosigkeit spiegelt sich in den Gesichtern der Parteianhänger, während eine enthusiastische Angela Merkel auf mehreren Bildschirmen bizarr kakofonisch das Ende von Rot-Grün bejubelt.

Doch dann tritt SPD-Chef Franz Müntefering ans Rendnerpult. Schnörkellos gesteht er die "bittere Niederlage" ein, um mit derart perfekt gespielter Beiläufigkeit zum weiteren Procedere überzuleiten, dass ARD und ZDF die Bombe des Abends glatt verpassen. Kein Sender ist live dabei, als der Sauerländer sagt: "Wir wollen, dass entschieden wird." Deswegen strebten der Kanzler und er für den Herbst dieses Jahres Neuwahlen an.

Im Mittelalter bedienten sich die Zahnheiler angeblich eines Tricks, um den Schmerz für die unbetäubten Patienten erträglich zu machen: Sie fügten ihnen an anderer Stelle eine Pein zu. So etwa scheint die Ankündigung des vorzeitigen Abgangs von Rot-Grün auf die Anwesenden zu wirken: Spontan braust Beifall auf. "Wir wollen um die Entscheidung kämpfen", ruft Müntefering und hat damit zumindest für diesen Abend die Nachrichtenhoheit zurückerobert.

Neuwahlen im Herbst - unter allen Spekulationen, die in den vergangenen Tagen in Berlin herumgereicht wurden, war diese als die abwegigste abgetan worden. Ein offener Streit in der Fraktion bis hin zum Dissidententum, eine Umbildung des Kabinetts, ein Abrücken von der Unternehmensteuerreform: das alles wurde für möglich oder wahrscheinlich gehalten. Aber Neuwahlen? Das wäre, dementierten die Auguren, doch Selbstmord aus Angst vor dem Tod.

Auch die gewöhnlich gut informierten Parteimenschen im Willy-Brandt-Haus werden von der Neuigkeit kalt erwischt. Offenbar war die Entscheidung zum "Alles oder Nichts" erst am Nachmittag im ganz kleinen Kreis im Kanzleramt gefallen. Die Demoskopen signalisierten mit vertraulichen Zahlen, dass die Wahl an Rhein und Ruhr nicht mehr zu gewinnen sei. Da soll Kanzler Gerhard Schröder Müntefering signalisiert haben, dass er sich eine schleichende Demontage durch die Blockadepolitik der Union im Bundesrat und Querschüsse aus dem eigenen Lager nicht antun wolle. Müntefering willigte ein, wohl weil er die Chance sah, durch einen sofortigen Wahlkampf die existenzbedrohenden Fliehkräfte im eigenen Laden zu bändigen.

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