Aufstand gegen die Energiewirtschaft
Wir sehen uns vor Gericht

Der Streit zwischen Energiekonzernen und Verbrauchern erhält eine neue Dimension: Während bisher die Verbraucher wegen gestiegener Gaspreise auf die Barrikaden gingen, klagt jetzt erstmals ein Energieversorger gegen seine Kunden. Die Branche schlägt zurück. Eine Handelsblatt-Reportage.

PADERBORN. Der Weg zum Kern des Problems führt in den Keller eines über 100 Jahre alten Bauernhauses. 14 Stufen die steile, knarzende Holztreppe hinunter, dann zweimal scharf links abbiegen, vorbei an einigen Kisten mit Aktenordnern, Zeitungen und anderem Kram. Dort hängt sie, die Gastherme der Marke Buderus, weiß lackiert und glänzend.

Vor vier Jahren hat sich Andreas Ziebarth diese Heizung angeschafft. „Als wir am Ende der Osterferien aus dem Urlaub kamen, war unsere alte Gastherme kaputt“, erzählt der 44-jährige EDV-Techniker aus Büren, südlich von Paderborn, der mit Frau und Sohn in dem 100-Quadratmeter-Haus wohnt. „Schnell musste Ersatz her, denn es war immer noch kalt und ungemütlich.“ Eine Öko-Heizung mit Pellets aus Holz, deren Einbau Ziebarth kurz erwogen hatte, war so schnell nicht zu haben. Also kaufte er wieder eine Gasheizung.

Es sollte eine Entscheidung von enormer Tragweite werden, die diese Woche ihren vorläufigen Höhepunkt erlebt: Am Donnerstag wird Ziebarth auf der Anklagebank vor dem Kartellsenat des Landgerichts Dortmund sitzen, zusammen mit 15 anderen Besitzern von Gasheizungen aus Paderborn und Umgebung. Sie schulden ihrem Gasversorger, der Eon Westfalen Weser, zusammen ein paar tausend Euro, weil sie nach einer deutlichen Gaspreiserhöhung weiterhin nur den alten Tarif zahlen.

Mit der Klage von Eon Westfalen Weser bekommt der Streit zwischen Energiekonzernen und Verbrauchern, die wegen gestiegener Gaspreise gegen die Versorger auf die Barrikaden gehen, eine neue Dimension. Bisher sind es Klagen aufgebrachter Verbraucher, die sich bei den Gerichten häufen. Nun verklagt zum ersten Mal ein Konzern seine Kunden – die Branche schlägt zurück. Während Bundeskanzlerin Angela Merkel gestern in Berlin zum „Energiegipfel“ bat, vergiftet sich das Klima zwischen Kunden und Versorgern immer mehr.

Der Gaspreis stieg zuletzt immer rascher von einer Rekordmarke zur nächsten. So lag die jährliche Gasrechnung für einen durchschnittlichen Haushalt mit gut 33 500 Kilowattstunden Verbrauch Ende der 90er-Jahre bei etwa 1 100 Euro. Heute sind über 1 800 Euro fällig – 64 Prozent mehr. Einzelne Versorger erhöhten ihren Gaspreis allein in den vergangenen zwölf Monaten um 30 Prozent. Und ein Ende des Trends ist nicht in Sicht.

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