Auftritt vor dem Ausschuss "Wahlbetrug"
Medien-Kanzler zeigte sich in Hochform

Der Zeuge zeigte viel Stehvermögen. Im Blitzlichtgewitter der Fotografen stützte sich Gerhard Schröder mit den Unterarmen entspannt auf die Rückenlehne seines Sessels. Er scherzte mit den Journalisten. Erst als er sich davon überzeugt hatte, dass das letzte Kamerateam auch tatsächlich ausgezogen war, nahm Schröder schließlich Platz.

HB/dpa BERLIN. Sich auf keinen Fall sitzend fotografieren zu lassen, gehörte zur Inszenierung des Auftritts vor dem Untersuchungsausschuss „Wahlbetrug“ des Bundestags. Sonst hätte ja der Eindruck entstehen können, als sitze er auf der Anklagebank.

Aber auch ansonsten erlebten Abgeordnete und Zuschauer im Raum 4.900 des Paul-Löbe-Hauses, direkt gegenüber dem Kanzleramt, am Donnerstagnachmittag eine durchaus bemerkenswerte Lehrstunde eines mit allen Wassern gewaschenen Juristen. Auch wenn seine Tätigkeit als Strafverteidiger „ja schon einige Zeit zurückliegt“, wie Schröder leicht entschuldigend anmerkte, gab er doch einige Kostproben aus seinem Repertoire zum Besten, die auch seinen Gegnern auf der „Vernehmungsseite“ einigen Respekt abverlangte.

Eine „offene Feldschlacht“ des Kanzler hatte SPD-Obmann Dieter Wiefelspütz vor Beginn der Beratungen um 15.00 Uhr versprochen. Schröder verzichtete weitgehend auf den schweren Säbel. Eher mit dem leichten Florett und mit viel Unterhaltungswert versuchte er die Attacken abzuwehren.

Gleich zum Auftakt sorgte er auf der Unionsseite für eine Überraschung. Seine 22 Seiten lange schriftlich Stellungnahme legte er beiseite. „Damit wir mehr Zeit für Fragen haben“, ging Schröder gleich in die Offensive.

Die ersten Fragen hatte sich der Ausschussvorsitzende Klaus-Uwe Benneter von der SPD reserviert, mit dem Schröder seit gemeinsamen revolutionären Tagen bei den Jusos eine dicke Freundschaft verbindet. Der heutige Tennispartner des Kanzlers versuchte eher in braver Manier das gesamte Umfeld zu sondieren. Gab es damals verschwörische Verabredungen in der Bundesregierung? Ach wo, so die Antwort. Ob er auch einmal Rezzo Schlauch ins Kanzleramt zitiert habe, um den Grünen-Abgeordneten Oswald Metzger zur Räson zu bringen? „Den Rezzo kann man nicht einbestellen. Man muss ihm was zu Essen anbieten, sonst kommt er nicht“, plauderte der Kanzler aus.

Nach einer halben Stunde versuchte es dann Peter Altmaier. Der Unions-Obmann forderte gleich eine Generalentschuldigung vom Kanzler für trickreiche Operationen im Wahlkampf. „Das ist erlaubte Polemik, die offensichtlich aber in der saarländischen Natur liegt“, ließ der den CDU-Mann aus Oskar Lafontaines Heimat abfahren.

Alle folgenden Fragen zum eigentlichen Untersuchungsthema prallten am Kanzler kühl ab. Die Dialoge verliefen nach dem Muster: Kannten Sie die Prognosen? Die werden doch nicht im Kanzleramt gemacht. Kannten sie den Vermerk aus dem Finanzministerium? Ein Bundeskanzler wird doch nicht von einem Referenten in einem Ministerium informiert.

Als Altmaier sich immer stärker in Details verlor, gab ihm der Kanzler auch noch Lebenshilfe: Er müsse noch etwas an seiner Fragetechnik feilen. Und auch über das Innerste im Kanzleramt gab es Aufklärung. Wenn er persönlich einen Vermerk gelesen habe, so könne man das an der Paraphe sehen. „Das muss ein kleiner Strich sein“, lautete Schröders Hinweis an die Unions-Reihe.

Nach zwei Stunden im Zeugenstuhl wurde er dann etwas unruhig. Dem Ausschuss verriet er, dass eigentlich noch wichtige Staatsgeschäfte auf ihn warteten. Der Kollege Silvio Berlusconi habe für 18.00 Uhr seinen Anruf wegen der deutsch-italienischen Verstimmung angesagt. Als sich zunächst auf den Unionsplätzen Unmut regte, die Vernehmung so plötzlich zu beenden, zeigte Schröder aber auch noch seinen ganzen Respekt vor dem Ausschuss. „Dann soll er Morgen anrufen“, ließ er einem Mitarbeiter im Saal zur Weiterleitung nach Rom ausrichten. Mit knapper Verspätung wurde der Zeuge Schröder dann doch noch entlassen.

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