Deutschland
Aus dem Innenleben einer Klinik

Kaltes Neonlicht spiegelt sich auf blauem Linoleum. Enge Gänge, in die kaum Tageslicht fällt. Die Wände eierfarben nachgedunkelt. In der Luft liegt scharfer Sterilisationsgeruch, der sich vermischt mit dem Duft des Pfefferminztees. 17.30 Uhr: Abendessen für die Patienten in der Berliner Charité, Standort Virchow Klinikum, Mittelallee, Gebäude drei, Ebene sechs, Station 19, Klinik für Allgemein-, Visceral- und Transplantationschirurgie.

HB BERLIN. Zur gleichen Zeit hinter einer der unzähligen Türen: „Bauchlappen. Mehr Bauchlappen. Sauger. Zweiter Sauger.“ Chirurg Christoph Benckert, steht im OP, gibt Anweisungen wie Stakkatos. Die Hände der beiden OP-Schwestern arbeiten in seinem Takt, Griffe, die keine Sekunde verschwenden.

Benckert ist seit genau zehneinhalb Stunden bei der Arbeit. Um sieben Uhr am Morgen hat der 34-jährige Assistenzarzt seinen Dienst angetreten, sich mit Kollegen beraten, Diagnosen gestellt, sich um die Patienten auf der Intensivstation gekümmert. Danach hat er eine Gallenblase operiert und dem Oberarzt bei der Entfernung eines schwierigen Tumors assistiert – fast vier Stunden lang. Um halb sechs ist Benckerts normale Schicht, von ihm unbemerkt, in den Bereitschaftsdienst übergegangen. Vor ihm liegt ein Patient mit geöffnetem Bauch, die OP wird mehrere Stunden dauern, an eine erste Pause ist vorerst nicht zu denken. Und die gesamte Schicht läuft noch über 14 Stunden weiter.

Es sind diese akkordartigen Arbeitsbedingungen bei anhaltend schlechter Bezahlung, die Deutschlands Klinikärzte gestern wieder auf die Straße getrieben haben. In Stuttgart protestierten unter Führung des Marburger Bunds, der Klinikärztevereinigung, 5 000 Mediziner für eine bessere personelle Ausstattung der Krankenhäuser und nicht zuletzt auch für mehr Geld. Verbandschef Frank Ulrich Montgomery fordert: „Wir brauchen Tarifverträge, die die Arbeitsbedingungen und -zeiten endlich vernünftig regeln.“

Auch die Ärzte an der Berliner Charité, Europas größtem Klinikum mit 85 Krankenhäusern und 55 Instituten, unterstützen die Proteste. Zwar ist es für einen Mediziner immer noch eine Auszeichnung, dort arbeiten zu dürfen. Und doch wächst unter den 15 000 Angestellten der Unmut über den seit 2003 tariflosen Zustand. Gehaltserhöhungen oder Inflationsausgleich sind seit 2001 nicht mehr erfolgt, Weihnachts- und Urlaubsgeld gestrichen. Und das, obwohl die Charité-Ärzte Monat für Monat 85 000 unbezahlte Überstunden leistet – eine Zahl, über die sich wohl niemand wundert, der Chirurg Benckert einen Tag und eine Nacht bei der Arbeit beobachtet hat.

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