Ausblick auf 2017
Was Ökonomen in Alarmstimmung versetzt

Die wachsende Globalisierungskritik weltweit versetzt führende Ökonomen in Deutschland in Alarmstimmung. Sie sehen in der Abwendung protektionistischer Tendenzen die größte politische Herausforderung für das Jahr 2017.
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BerlinSeit dem 8. November haben Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Kabinett ein paar Kopfschmerzen mehr. An diesem Tag wurde in den USA Donald Trump zum Präsidenten gewählt - und dieser könnte die G20-Gruppe der führenden Industrie- und Schwellenländer mit seinen meist kontroversen Vorstellungen ziemlich durcheinanderwirbeln. Für Merkel käme das zur Unzeit. Denn Deutschland hat, und das noch in einem Wahljahr, erstmals die Präsidentschaft des Staatenforums übernommen, das seit der weltweiten Finanzkrise 2008 die wichtigste Plattform bei der Koordination der Finanz- und Wirtschaftspolitik ist.

Die Agenda der deutschen Regierung für den G20-Vorsitz im Wahljahr 2017 steht weitgehend. „Eine vernetzte Welt gestalten“, lautet ihr Motto. Allein das könnte beim Gipfel Anfang Juli in Hamburg mit dem Polit-Newcomer Trump schon Kontroversen auslösen, denn für Merkel beinhaltet das ein klares Bekenntnis zu einer offenen, zusammenwachsenden Welt, zu gemeinsamen Lösungen bei der Bewältigung von Krisen und der Gestaltung der Globalisierung. „Diese Auseinandersetzung über Offenheit und Abschottung wird uns in den nächsten Jahren sehr stark beschäftigen“, sagte die Kanzlerin jüngst.

Der Konflikt mit Trump ist damit programmiert. Denn der hat einen neuen Protektionismus im Wahlkampf versprochen - mit dem Slogan „America first“ (Amerika zuerst) und hält nicht viel von multilateralen Ansätzen. Diese Anti-Globalisierungs-Stimmung versetzt hierzulande die Wirtschaft in Alarmstimmung. Führende Ökonomen in Deutschland sehen denn auch in wirtschaftlichem Protektionismus die größte Herausforderung für die Politik im kommenden Jahr.

„Es wird die Aufgabe der Bundesregierung in der kommenden Legislaturperiode sein, diesem Trend entgegenzutreten, für offene Märkte und Weltoffenheit einzutreten, die protektionistischen Vorhaben abzuwehren, zumindest aber ihre Auswirkungen einzudämmen“, sagte der Freiburger Wirtschaftsweise Lars Feld dem Handelsblatt. „Kontrapunkte lassen sich setzen durch eine Initiative für ein neues Welthandelsabkommen, für den Abschluss von TTIP und anderer Freihandelsabkommen, nicht zuletzt durch eine möglichst enge Bindung des Vereinigten Königreichs an den europäischen Binnenmarkt.“

Die Abschottungsgefahr droht nach Felds Einschätzung aus mehreren Richtungen. Die Wahlkampfversprechen des designierten US-Präsidenten Donald Trump zielten zwar eher auf China und Mexiko, „aber könnten sich leicht auf Deutschland erstrecken“, warnte der Ökonom. Das Brexit-Votum bringe ebenfalls das Versprechen eines stärkeren Protektionismus mit sich. In den anstehenden Wahlen in den Niederlanden und in Frankreich drohe zudem ein Erfolg nationalistischer und damit protektionistischer Kräfte. In Deutschland und Österreich habe der Protest gegen die Freihandelsabkommen Ceta und TTIP bereits „überraschende“ Erfolge gehabt.

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, erwartet ebenfalls ein politisch „enorm schweres Jahr“. „Die wichtigste Herausforderung für die Politik ist es eine weitere Renationalisierung und einen Anstieg des Protektionismus zu verhindern“, sagte Fratzscher dem Handelsblatt. „Mehr nationalistische Abschottung ist nicht die Lösung für den zunehmenden gesellschaftlichen Konflikt, der letztlich durch die hohe und steigende soziale Ungleichheit in der westlichen Welt ausgelöst wurde.“ Die Politik könne daher nur „durch eine kluge Wirtschafts- und Sozialpolitik, vor allem durch grundlegende Änderungen in der Bildungs-, Familien- und  Arbeitsmarktpolitik, mehr Steuergerechtigkeit und einer zielgenaueren Sozialpolitik, die Wurzel des gesellschaftlichen Konflikts erreichen“.

Kommentare zu " Ausblick auf 2017: Was Ökonomen in Alarmstimmung versetzt"

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  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette 

  • Es kann gar keinen Zweifel daran geben, dass freie internationale und -kulturelle Zusammenarbeit und freier Handel der Schlüssel für globalen Fortschritt und Wohlstand sind (global heißt: überall).

    Wäre schön, wenn Politiker aller Couleur beides nicht ständig aus eigennützigen Motiven stören würden.

  • @Herr Mark Hoffmann29.12.2016, 09:36 Uhr

    "Ihr Medien Politiker sollt lieber erst mal auf die EU-Deutsche Volkswirtschaft schauen, bevor ihr euch über Trump auslässt."
    Natürlich gehören die deutschen Ökonomen auch dazu.

    Hierzu passt ein Satz aus einem anderen Blog in dem ein Kommentator schrieb: “Es ist nun mal die Eigenart der Deutschen, die nur dann nicht auf die Anderen zeigen, wenn sie in Socken und bei 25 Grad minus im Schnee stehen müssen“.

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