Ausländer und Rückkehrer sehen Defizite des deutschen Forschungsstandorts besonders klar
„Endlich will Deutschland eine Spitze“

Zellbiologe Dieter Klopfenstein hatte es in die Endrunde um einen Job an der US-Traumadresse Harvard geschafft. Und eine Stelle als Gruppenleiter an der renommierten ETH Zürich war ihm sogar sicher. Doch der 32-jährige Schweizer Postdoc an der University of California San Francisco entschied sich für Göttingen – und die „idealen Forschungsbedingungen“ am Zentrum für Molekularphysiologie des Gehirns, eines von fünf neuen Zentren der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

BERLIN. In den USA oder der Schweiz würde Klopfenstein deutlich mehr verdienen. Auch ist dem Nervenforscher hier zu Lande der in den USA übliche direkte Weg zur Festanstellung versperrt. Aber: In Göttingen kann er Experten der Nachbardisziplinen „zum Kaffee treffen“, wie er sagt – „ein wesentlicher Vorteil“.

Klopfenstein steht dafür, dass der Forschungsstandort Deutschland nicht so schlecht ist, wie der Streit um den „brain-drain“, den Verlust an intellektueller Kapazität glauben macht. Und er zeigt, dass sich etwas bewegt im Forschungsstaat Deutschland.

Harte Zahlen über den Verlust an Kompetenz gibt es ohnehin nicht. Doch auch der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Max Einhäupl, hat „den Verdacht, dass uns viel zu viele Gute verlassen“ – Richtung USA, Großbritannien und der Schweiz. Ausländer und Rückkehrer sehen deutsche Defizite besonders klar – aber auch Fortschritte. Nach wie vor steckt Deutschland auch relativ deutlich weniger Geld in die Forschung als die USA. Ein Ergebnis ist „die stiefmütterliche Behandlung der Universitäten“, sagt Molekularbiologe Detlef Waigel, der nach zwölf Jahren an der University of California San Diego 2002 Direktor am Tübinger Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie wurde. Schädlich findet der Deutsch-Amerikaner die hohe Lehrverpflichtung auch für Top-Forscher. „Zum Glück“ planten Länder wie Baden-Württemberg hier neuerdings mehr Flexibilität.

„Schockiert“ war Heimkehrer Weigel über die „jämmerliche Bezahlung“ hiesiger Jungforscher: „Die verdienen teilweise nur halb so viel wie in den USA.“ Noch Ende der 80er-Jahre sei das Verhältnis umgekehrt gewesen. Ärgerlich findet Weigel die Brain-Drain-Debatte: Wer dauernd höre, „dass alle brillanten Forscher weggehen, kommt sich wie ein Esel vor“.

Auch der Präsident der Max- Planck-Gesellschaft (MPG), Peter Gruss, warnt, den Forschungsstandort Deutschland „schlecht zu reden“. Einen signifikanten Verlust von Top-Wissenschaftlern sehe er nicht. Dass auch der jüngste deutsche Nobelpreisträger Wolfgang Ketterle am MIT Boston bleibt, sei lediglich eine Momentaufnahme. Den renommierten Stammzellforscher Hans Schöler konnte Gruss gar nach Deutschland zurückholen. „Um die hervorragenden Bedingungen am Max-Planck-Institut beneiden mich selbst meine Kollegen in den USA“, so Schöler. Das Problem sei nur, dass es davon nicht genug gebe. Von 278 Institutsdirektoren der MPG sind 115 aus dem Ausland – 75 Ausländer und 40 deutsche Rückkehrer. Von den Uniprofessoren stammen nur fünf Prozent aus dem Ausland.

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