Außenminister Steinmeier leitet erstmals das Bundeskabinett
Kanzler für 40 Minuten

Im Kabinettssaal des Kanzleramtes stand am Mittwoch für Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) eine Premiere auf dem Programm: Weil er erstmals die Sitzung des Bundeskabinetts leitete, saß er auf dem Stuhl der Kanzlerin. Und vor ihm prangte die Glocke, um die Kollegen zur Ordnung rufen zu können.

BERLIN. Knapp 40 Minuten sind keine schlechte Zeit. Viel Zeit für "Gedöns" hat sich Frank-Walter Steinmeier jedenfalls an diesem Mittwochvormittag nicht gegönnt. Früher berichtete der Bundesaußenminister im Bundeskabinett schon mal ausufernd über die Erfahrungen auf seinen Auslandsreisen. Doch diesmal legte sich der Vizekanzler selbst Zügel an - trotz eines gerade überstandenen staubigen Afghanistan-Trips. Immerhin konnte der mutmaßliche SPD-Kanzlerkandidat für einen kurzen Moment Maß nehmen, wie es sich anfühlt, selbst auf dem Chefsessel zu sitzen.

Doch wer einen Putsch gegen Merkel erwartet hatte, wurde enttäuscht. Kein SPD-Geheimprojekt wurde unter Steinmeiers Leitung durch das Kabinett gejagt, kein gesetzlicher, flächendeckender Mindestlohn beschlossen. "Routiniert und souverän" habe Steinmeier durch das Programm gelenkt, bescheinigen ihm Teilnehmer aller Seiten anschließend. "Im Vergleich zu anderen Sitzungen war der Führungsstil etwas hemdsärmeliger. Es flogen mehr Vornamen durch den Raum", frotzelt ein anderer. Mal war die "Heidi" dran (Entwicklungsministerin Wieczorek-Zeul), mal der "Horst" (Landwirtschaftsminister Seehofer).

Telefonwerbung, Flugsicherung - einen Punkt nach dem anderen winkte Steinmeier durch. Ohnehin landen auf der Tagesordnung normalerweise nur die Punkte, die zwischen den Koalitionspartnern bereits geklärt sind. Gibt es Streit, wird das Abnickgremium Bundeskabinett erst gar nicht bemüht.

Dennoch stand Steinmeier an diesem Morgen unter Beobachtung - von Regierungssprecher Ulrich Wilhelm, dem Kanzlerinnen-Vertrauten, der anders als seine Chefin noch nicht im Urlaub weilte.

Denn einmal hatte ein Vizekanzler doch den Rahmen gesprengt - allerdings sogar in Anwesenheit der Kanzlerin. So hatte der frühere Arbeitsminister Franz Müntefering plötzlich das Thema "Rente mit 67" angeschnitten, obwohl seine Kollegen nicht einmal eine Vorlage dazu in der Hand hielten. Zwar fasste das Kabinett damals keinen Beschluss - doch anschließend behauptete Müntefering genau dies. Zu widersprechen wagte dann niemand mehr.

Doch so viel Chuzpe passt gar nicht zum jetzigen Vizekanzler, der nach wie vor als korrekter Koalitionsspieler gilt. Ohnehin musste Steinmeier froh sein, dass seine Premiere überhaupt zustande kam. Mit acht anwesenden Ministern war gerade einmal die unterste Grenze für eine Beschlussfassung gesichert worden - und nur deshalb, weil Kanzleramtschef Thomas de Maizìere für die kurze Kabinettssitzung eigens aus dem Urlaub anreiste.

Und groß auffallen wollte Steinmeier, so heißt es in seinem Umfeld, in der Rolle als Ersatz-Kanzler eigentlich sowieso nicht. Immerhin jubiliert man seit Wochen in der SPD, dass es die Partei nach einer Phase der Selbstzerfleischung endlich geschafft habe, das Thema der Kanzlerkandidatur aus den Schlagzeilen zu verbannen. Ein demonstrativ auftrumpfender Außenminister hätte die Debatte wieder angeheizt.

Steinmeier wählte deshalb auch ein undramatisches Ende für die gute halbe Stunde Regierungsleitung: "Leider muss ich Ihnen die traurige Nachricht mitteilen, dass kommende Woche keine Sitzung stattfinden wird", sagte er und erntete Grinsen seiner Kabinettskollegen. "In zwei Wochen wird dann wieder die Kanzlerin die Sitzung leiten." Über den Sommer 2009 und mögliche Vertretungsregeln mitten im Bundestagswahlkampf sagte er nichts.

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