Außenminister Westerwelle
Häutungen eines Politikers

Wachgeküsst von der Macht – nach einer Woche als Außenminister beginnt sich Vizekanzler Guido Westerwelle zu verwandeln. Doch der Weg vom krawalligen Oppositionsführer zum diplomatischen Weltreisenden ist lang.
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HB WASHINGTON/PARIS. Es ist wie im Film. Auf dem Flughafen Paris-Orly wartet eine Menschenmenge an der Gangway vor dem deutschen Regierungsairbus „Theodor Heuss“. Einsam geht ein Mann erhobenen Hauptes die Treppe nach oben. Oben vor dem Einstieg dreht er sich noch einmal kurz um, blickt ins dunkle Nirgendwo und winkt bedeutungsschwanger. Dann verschwindet er im Flugzeug.

Eine solche Szene könnte den Film über einen großen Staatsmann beenden, der ins Exil muss oder gerade eine historische Mission beendet hat. Doch die Person oben auf der Treppe ist Guido Westerwelle. Und der steht nicht etwa am Ende, sondern gerade einmal am Anfang seiner Amtszeit. Deshalb ist das Bild ungewöhnlich, in seiner pathetischen Gestik auch ein wenig entlarvend. Denn die Kameras fangen an diesem Abend all die Widersprüchlichkeiten ein, die den neuen deutschen Außenminister bei der Ankunft in der Welt seiner Träume bewegen. Worte wie „beeindruckt“ und „überwältigt“ kommen dem FDP-Chef und Vizekanzler der schwarzgelben Regierung in den ersten acht Tagen seiner Amtszeit jedenfalls andauernd über die Lippen, wenn er über seinen ersten Erlebnissen seines neuen politischen Lebens erzählt.

Denn an allen Stationen seiner kurzen Amtszeit bekommt er von seinen Gastgeber das Gefühl vermittelt, wie bedeutungsschwer sein neues Amt ist. Westerwelle hat bereits einen EU-Gipfel mit 27 Regierungen überlebt, danach sechs Länder besucht. Er hat neben Nicolas Sarkozy im Zentrum der französischen Macht gestanden, dem Elysée-Palast. Er ist in vielen Staaten gleich von Präsident, Ministerpräsident und Außenminister empfangen worden. Und in der Runde der EU-Außenminister dauert es nur wenige Stunden, bis ihn fast alle duzen. „Da sind wir erbarmungslos“, scherzt der luxemburgische Amtskollege Jean Asselborn augenzwinkernd. Nach elf Jahren mühsamer Oppositionsarbeit kommt sich Westerwelle vor wie im politischen Paradies.

Und jetzt, am „Tag acht“ seiner Amtszeit steht der 47-Jährige sogar im sogenannten „Treaty-Room“ des amerikanischen Außenministerium wahrhaft neben Hillary Clinton. „Wow, welche Menge an Journalisten“, entschlüpft es der amerikanischen Außenministerin, als beide den vollgepackten Raum der Pressekonferenz betreten. Das dazu mehr als 30 mitgereiste Medienvertreter aus Deutschland gehören, wird sie wissen. Aber die Bemerkung ist dennoch als Kompliment gedacht. Am Morgen hatte Clinton beim Besuch ihres äthiopischen Kollegen an derselben Stelle genau drei Journalisten vorgefunden.

Wie alle andere Gastgeber zuvor gibt sich auch Clinton sichtlich Mühe, nett zu sein. Vor einigen Jahren war der FDP-Chef ihr zwar schon einmal auf der Münchner Sicherheitskonferenz begegnet. Aber da hatte die damalige demokratische Senatorin sich kaum für den Oppositionspolitiker interessiert. Jetzt dagegen beugt sich die Außenminister lächelnd zu ihm hinüber und betont, wie sehr sie sich freue, dass „Guido“ nach Washington gekommen sei. Sie weiß, mit Deutschland müssen die USA zusammenarbeiten, der Mann neben ihr gehört zu Kanzlerin Merkel, die gerade im US-Kongress gefeiert wurde. Außerdem muss die Außenministerin noch die peinliche Opel-Panne wett machen, mit der man Berlin gerade vorgeführt hat. „Exzellente Gespräche“ habe man gehabt, säuselt sie deshalb. Kerzengrade steht Westerwelle am Pult mit dem Emblem des State Departments neben ihr. Innerlich jubelt er.

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