Aussicht auf einen Regierungswechsel bringt neue Kandidaten für EZB-Posten ins Spiel
Die Karten für die Nachfolge von Issing werden neu gemischt

Mit der Aussicht auf einen Regierungswechsel im September ist die Suche nach einem Kandidaten für die Nachfolge von Otmar Issing im Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB) neu eröffnet. Sollten CDU und CSU die Bundestagswahl gewinnen, dürfte der bisherige Favorit für das Amt, der gewerkschaftsnahe Würzburger Ökonom Peter Bofinger, selbst im Fall einer großen Koalition aus dem Rennen sein.

HB FRANKFURT/M. Issing scheidet Ende Mai 2006 nach achtjähriger Amtszeit aus der EZB aus. Es gilt als sicher, dass er durch einen Deutschen ersetzt wird. Obwohl die Bundesregierung über die Personalie entscheidet, diskutieren Finanzkreise schon jetzt über mögliche Kandidaten. Die Regierung muss sich erst Anfang 2006 festlegen.

Nach dem Vertrag von Maastricht sollen die Mitglieder des Direktoriums „aus dem Kreis der in Währungs- und Bankenfragen anerkannten und erfahrenen Persönlichkeiten“ ausgewählt werden. Wenn Deutschland sich auch nur die Möglichkeit offen halten will, im EZB-Direktorium wieder Issings einflussreichen Posten des Chefvolkswirts zu besetzen, muss es einen entsprechend qualifizierten Kandidaten präsentieren.

Dem Anforderungsprofil entspricht der amtierende Bundesbankpräsident Axel Weber. Nach verbreiteter Auffassung hat sich der Ex-Wirtschaftsprofessor als Notenbanker bereits bewährt. Er kennt die EZB und den EZB-Rat, und zu seiner wissenschaftlichen Tätigkeit hat er noch nicht den Anschluss verloren.

Wie aus der Bundesbank verlautet, soll sich Weber intern allerdings festgelegt haben, für die Dauer seiner achtjährigen Amtszeit zu bleiben. Zudem könnte das EZB-Direktorium nach dem Ausscheiden von Issing seine Aufgaben neu verteilen. Wenn Issings Nachfolger nicht mehr dasselbe Ressort bekommt, könnte es für Weber ohnehin reizvoller sein, in der Bundesbank zu bleiben. Man weiß allerdings nicht, wie er reagieren würde, wenn ihn Berlin morgen bitte, zur EZB zu wechseln.

Im Übrigen scheint der Markt für qualifizierte Volkswirte leer gefegt. „Man müsste sich dann schon bei den Bankvolkswirten umsehen“, sagt der Bonner Wirtschaftsprofessor Manfred J.M. Neumann. Er könnte sich den Chefvolkswirt der Bayerischen Landesbank, Jürgen Pfister, den Chefvolkswirt Europa der Deutschen Bank, Thomas Mayer, oder auch den Chefvolkswirt der Allianz-Gruppe, Michael Heise, im EZB-Direktorium vorstellen. Frankfurter Professoren bringen zudem ihren Bonner Kollegen Jürgen von Hagen ins Spiel.

Thorsten Polleit, Chefvolkswirt bei Barclays Capital Deutschland, glaubt aber nicht, dass wieder ein Quereinsteiger den Sprung auf die Spitzenposition schafft: „Die Nacht- und Nebelaktion, mit der Weber in die Bundesbank berufen wurde, wird sich kaum wiederholen.“ Wahrscheinlicher sei es, dass die Regierungsparteien Wunschkandidaten präsentierten, auch wenn diese sich nicht als Chefvolkswirt eigneten. Wenn Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber Superminister werde, habe dieser ein wichtiges Wort mitzureden.

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