Ausstrahlung
Politiker müssen herausragen oder werden veröden

Etwas mehr natürliches Charisma würde Deutschland helfen. Doch Angela Merkel hat nicht den Mut dazu.

Die Schweiz gilt gemeinhin als Erfolgsmodell. Die Wirtschaft ist stark, Beschäftigung und Einkommen sind hoch, und das politische System ist stabil. Würde man jedoch außerhalb der Alpenrepublik nach einem profilierten Eidgenossen fragen, würden die meisten vermutlich den Tennisspieler Roger Federer nennen. Ein Name aus der Schweizer Politik fällt selbst den unmittelbaren Nachbarn nicht ein. Und das ist auch so gewollt. Nichts ist in der Schweiz nämlich mehr verpönt als jemand, der sich profiliert. Und wer es dennoch wagt wie einst der Rechtsaußen Christoph Blocher oder jetzt der Notenbankchef Philipp Hildebrand, der wird politisch einen Kopf kürzer gemacht. Nur nicht herausragen.

Diese negative Profilneurose scheint ansteckend zu sein. Auch im politischen Berlin sucht man vergebens nach Charisma. Der spröde Niedersachse Christian Wulff residiert im Schloss Bellevue, in der Bundesregierung gibt es nach dem unrühmlichen Abgang zu Guttenbergs nur noch Parteisoldaten wie Thomas de Maizière, und die SPD liebäugelt mit einem Kanzlerkandidaten Olaf Scholz. Der ist selbst für hanseatische Verhältnisse das personifizierte Understatement.

Die "FAZ" macht für das Aussterben der Alpha-Tierchen die Allgegenwart der Kanzlerin verantwortlich. Die Methode Merkel als Profil-Killer sozusagen. Die "Zeit" sieht in der Politik ohne Aura dagegen ein gutes Zeichen der Normalität in Deutschland. Tatsächlich ist es den meisten Deutschen wohl ganz recht, dass sie zu niemandem aufblicken können oder müssen. Nicht nur, weil politische "Führer" hierzulande immer noch ungute Erinnerungen wecken. Auch, weil Führen immer mit dem Risiko des Scheiterns verbunden ist. Da scheint es bequemer, sich wegzuducken und die Verantwortung wie bei der Enthaltung zum Libyen-Einsatz anderen zu überlassen.

Klammheimlich wünschen sich viele Bundesbürger, Deutschland könnte in die Rolle einer großen Schweiz schlüpfen: neutral, reich und auch ein wenig langweilig. Die Mischung aus politischem Kleingeist und wirtschaftlicher Stärke erzeugt jedoch selbst in der Schweiz erhebliche Spannungen. Wenn sich ein Wirtschaftsriese wie Deutschland kleiner machen will, als er ist, schürt das bei seinen Nachbarn nur Misstrauen und Unverständnis. Wir können und sollten nicht aus unserer Haut.

Außerdem: Wenn wir dem Modell Schweiz ernsthaft nacheifern wollten, müssten wir viel mehr Demokratie wagen. Nicht nur durch Volksentscheide in wichtigen Fragen wie der Kernenergie, sondern auch dadurch, dass wir die politische Macht und Verantwortung viel stärker auf Länder und Kommunen verlagern. So blass die eidgenössischen Politiker in Bundes-Bern sind, so bunt und stark sind sie in den Kommunen. Berlin ist aber Paris und London allemal näher als Zürich oder Bern.

Wenn wir zu groß sind, um uns zu verstecken, brauchen wir dann charismatische Führer? Nicht unbedingt. Aber es hilft auf der Weltbühne, wenn Staatschefs nicht nur für ihr Amt geachtet werden, sondern auch für ihre natürliche Autorität. Helmut Schmidt und Helmut Kohl sind dafür zwei gute Beispiele.

Sie haben Deutschland vermutlich sogar größer gemacht, als es damals war. Merkel hätte zwar auch das Zeug und die Biografie, nur hat sie nicht den Mut dazu. Aus Verdruss über Egomanen à la zu Guttenberg sollten wir nicht über alle, die herausragen, die politische Sense ziehen. Dass Demut und Charisma keine Gegensätze sein müssen, hat übrigens Helmut Schmidt bewiesen. Er verstand sich stets als "Leitender Angestellter" der alten Bundesrepublik. Aber einer mit "Schmidt-Schnauze".

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%