Aust-Buch
„Das tritt nach meiner Kenntnis, äh, das ist sofort . . .“

Nach Günter Schabowskis Pressekonferenz am 9. November 1989 fiel die Mauer. Ex-„Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust rekonstruiert minutiös die damaligen Ereignisse. Herausgekommen ist ein spannendes Buch. Ausgesprochen anschaulich. Fernsehen zum Lesen.

DÜSSELDORF. Nicht staatstragend und nicht ausufernd ist dieses Buch über die Zeit vom Sommer 1989 bis zur Einheit im Jahr darauf. Es ist spannend und gut strukturiert. Und so hebt es sich ab von der Vielzahl bunter Chroniken und Zusammenstellungen von verklärten Erinnerungen prominenter Zeitzeugen und Augenzeugenberichten, die sich im Gedenkmonat November 2009 auf den Büchertischen türmen.

Stefan Aust, damals Chef von Spiegel TV, hat seinem Buch „Deutschland, Deutschland“ den Untertitel „Expeditionen durch die Wendezeit“ gegeben. Der Anklang an Urwald-Abenteuer ist mit Absicht gewählt, denn nicht nur Aust hatte, wie er berichtet, vor dem Fall der Mauer wenig mit der DDR zu tun. „Stattdessen fuhr man in die USA, nach Frankreich, England, Italien und Spanien“, schreibt er. „Der Ostblock war grau und langweilig.“

Die Wessi-Perspektive ist raffiniert gewählt, denn so gelingt es Aust, die vielen Begegnungen, Interviews und Szenen, die die Spiegel-TV-Reporter in der Wendezeit eingefangen haben, so in Buchform zu bringen, dass die Spontaneität nicht verlorengeht. Er mischt O-Töne aus Interviews mit erklärenden Sätzen, wechselt in die Ich-Form, wenn er erzählt, wie kompliziert es zu Anfang war, gedrehtes Material in den Westen zu bekommen. So ist Fernsehen zum Lesen entstanden, das vor allem die Generation Einheit der heute 20-Jährigen ansprechen wird. Nur manchmal ist der Stakkato-Stil des Buchs, der Austs Sprechweise entspricht, doch etwas anstrengend.

Zu den Highlights gehört die Geschichte der Eiskunstläuferin Katarina Witt. Ihren Weg von Karl-Marx-Stadt über die USA bis auf Gottschalks Couch haben die Reporter ein Jahr lang verfolgt. Aust schreibt ohne jede Häme, einfühlsam und erklärend über das schwierige Ankommen eines DDR-Stars in einem anderen politischen System.

Nachhilfe in DDR-Geschichte

„Von heut auf morgen sich umzustellen, selbstständig zu sein, Entscheidungen zu treffen für dein eigenes Leben, das fällt vielen sehr, sehr schwer“, sagt Katarina Witt im Interview, und Aust kommentiert: „Die wirkliche Wende findet im Kopf statt. Nicht nur bei ihr.“

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%