Autobiografie des Kanzlerkandidaten
Die Selbstvermessung des Frank-Walter Steinmeier

Wenn ein Kanzlerkandidat ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl ein Buch vorlegt, kann es viele Zwecke erfüllen: Eine Kampfansage an politische Gegner, eine leidenschaftliche Abrechnung, eine emotionale Autobiografie, die Sympathien und Bindung schaffen soll. Doch Frank-Walter Steinmeier ist, wie er ist, solide, nachdenklich. Deshalb legt er mit „Mein Deutschland“ lieber eine Art Handbuch seines Denkens vor.

BERLIN. Wer immer den SPD-Kanzlerkandidaten künftig agieren sieht, soll nach der Lektüre des am Donnerstag auf der Leipziger Buchmesse vorgestellten Buches zumindest wissen, warum er tut, was er tut.

Der Anspruch ist klar: Der Sozialdemokrat will sich als Mann der großen Linien präsentieren – und jemand, der Entwicklungen früh und richtig eingeschätzt hat, sei es bei der Agenda 2010 oder bei der „Neuvermessung der Welt“ in der Außenpolitik. Als potenzieller Kanzler muss er den Rundumschlag wagen: Egal, ob es um die Energiepolitik, die Bedeutung der Kultur in der Demokratie, die Modernisierung Deutschlands geht. Steinmeier hat nachgedacht und Antworten parat, die er etwas oberlehrerhaft als „unser gemeinsames Pflichtenheft“ präsentiert.

Ob er damit aber die Erwartungshaltung der meisten Leser trifft, ist eine andere Frage. Denn gleich am Anfang nennt der Vizekanzler selbst die wichtigste Existenzberechtigung dieses Buchs zum jetzigen Zeitpunkt. Durch die Kanzlerkandidatenrolle ist er ins volle Rampenlicht gestolpert. Da wollen tatsächlich viele wissen: „Woher kommt der? Was hat ihn geprägt? Was treibt ihn an?“

Leider geht Steinmeier genau auf diese Fragen aber nur im Abschnitt über seine Jugend, Politisierung und die Willy-Brandt-Verehrung wirklich ein. Mit der spürbaren Hassliebe zur ländlichen Herkunft im lippischen Brakelsiek liefert Steinmeier hier einen biografischen Gegenentwurf zu seiner ostdeutschen Kontrahentin Angela Merkel. „Ich bin ein Kind der Bundesrepublik“, lautet bedeutungsschwanger der erste Satz.

Doch danach verliert sich Steinmeier in abstrakten politischen Analysen. Das mag typisch sein für einen Politikmanager, der seit 1998 eben in direkter Regierungsverantwortung steht. Als SPD-Kanzlerkandidat, der mit seinem persönlichen Profil erfolgreich sein will, bleibt er jedoch am Ende wenig greifbar.

Sicher, es gibt Ausnahmen. Überdeutlich wird etwa, dass Freiheit für Steinmeier aus eigener Erfahrung nicht nur politische Selbstbestimmung bedeutet – sondern eben auch die Chance, aus der Begrenztheit der eigenen sozialen Herkunft aufzusteigen. Das macht sein Plädoyer für eine bessere Integrations- und Bildungspolitik glaubhafter. Nur sind diese direkten Rückbezüge zu seinem Leben selten. Da hilft nicht wirklich, dass Steinmeier zu einigen SPD-Reizthemen Positionen bezieht, sich klar zur Globalisierung, der Agenda 2010, Ehe und Familie bekennt und mahnt: „Es gibt keinen Grund, vor Neuem Angst zu haben.“ Vieles ist klug und richtig. Aber der SPD-Vize wagt sich nur in Schlachten, die schon geschlagen sind, und das in ungefährlicher Allgemeinheit.

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