Autokrise
Homann rettet die Welt

Jahrelang schrieb Jochen Homann Reden, hatte mit Statistiken zu tun, weniger mit Menschen. Jetzt hängt das Schicksal des Autobauers Opel von ihm ab. Staatssekretär Homann ist der Chefunterhändler der Bundesregierung.

BERLIN. Als er sich in den ICE von Berlin nach Bonn setzt, denkt Jochen Homann, dass er ein paar Stunden vor sich hat, in der die Zeit ihm mal nicht einfach davonrast und er etwas Ruhe hat, die er brauchen kann, um die Welt zu retten. Er hat sich einen Stapel Akten mitgenommen, auf der Fahrt klappt er sein Notebook auf. Ein bisschen ist es, wie es jeden Freitag war, wenn er nach Hause zu seiner Familie fuhr. Früher, bevor die Insolvenz des Autobauers Opel drohte und sein Dienstherr, der Bundeswirtschaftsminister, versprach, sich darum zu kümmern, dass Opel gerettet werde.

Das Land wartet auf eine Lösung, von ihr hängen viele Arbeitsplätze hängen. Und wenn Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg sagt, er kümmere sich und es geht um strauchelnde Autohersteller, dann kümmert sich hinter den Kulissen Homann, der Beamte, Homann, der Staatssekretär.

Homann leitet die von der Kanzlerin berufene Arbeitsgruppe, die nach einem Investor sucht. Es gibt seitdem nichts anderes mehr als Opel, worum er sich ernsthaft kümmern kann.

Wenn der Bundeswirtschaftsminister in die USA fliegt, um mit dem Mutterkonzern erste Gespräche über Opels Zukunft zu führen, dann fliegt Homann mit. Wenn zu Guttenberg in den Fernsehnachrichten auftaucht, weil es eine neue Entwicklung im Fall Opel gibt, dann ist Homann irgendwo im Bild, ein Mann mit dezenter Brille und schwarzer Aktentasche, an dem nichts Auffälliges ist außer seiner Unauffälligkeit. Und wenn Autokonzerne und Investoren stapelweise Papier ins Wirtschaftsministerium schicken, Konzepte mit Namen wie "Project Phoenix", in denen steht, wie sie sich die Rettung Opels vorstellen, dann landen diese Papierstapel auf dem Schreibtisch von Jochen Homann. Und ein Teil dieser Stapel fährt mit, wenn Homann sich am Freitagnachmittag in den ICE nach Bonn setzt.

Es ist eine Menge Papier, die er jetzt abzuarbeiten hat. Die Konzepte und die Vermerke aus dem eigenen Haus. In der Woche kam er einfach nicht dazu, jetzt hat er fünf Stunden, auch das wird nicht reichen, aber immerhin sind es: fünf zusammenhängende Stunden.

Für einen, der die Welt rettet, wirkt Homann ziemlich normal. Er hat nichts von einem forschen Einsatzleiter, der zur Not brutal zuschlägt. Niemals drängt er sich nach vorn, schon gar nicht, wenn irgendwo Kameras und Mikrofone in der Nähe sind. Noch heute wissen viele Deutsche nicht, wer der Mann ist, den sie in Fernsehnachrichten immer in zu Guttenbergs Gefolge sehen. Der Minister kümmert sich um die Mikrofone, Homann kümmert sich um die Details. Der Fall seines Amtsvorgängers hat Homann gezeigt, wohin es führen kann, wenn ein Ministerialbeamter seinem Minister die Show stiehlt. Joachim Wuermeling ging mit eigenen Ideen an die Medien, zu sehr, weshalb der damalige Minister Michael Glos im Februar 2008 Homann holte.

Homann hat in kurzer Zeit eine Menge zu lernen. Er sitzt am Besprechungstisch seines Büros, bügelfreies Hemd, dezent roter Schlips, businessgrauer Anzug. Er sagt, er habe jetzt viel mit Menschen zu tun, die es gewohnt seien, "ihre Interessen sehr nachdrücklich zu vertreten". Es soll unbeeindruckt klingen. Gut für Homann, wenn es nicht gespielt ist. Denn Verhandlungen, in denen es um Milliarden geht, sind neu für Homann. Er hat es jetzt mit abgebrühten Managern zu tun, Menschen, die mit Zahlen mit vielen Nullen so schnell nicht zu beeindrucken sind. Mit Fiat-Chef Sergio Marchionne oder dem inzwischen geschassten GM-Boss Rick Wagoner.

Bisher kümmerte er sich in seiner Karriere eher um Theorien. Homann ist Diplom-Volkswirt, er hat sich im Verlauf seiner Beamtenkarriere eher abstrakt mit dem Thema Wirtschaft befasst. Im Institut für Weltwirtschaft in Hamburg und später, ab Anfang der 80er-Jahre, in der wirtschaftspolitischen Grundsatzabteilung des Wirtschaftsministeriums. In den 90ern hat er im Kanzleramt für Helmut Kohl die Reden zu wirtschaftspolitischen Themen geschrieben. Und auch ein für die Industrie und Energie zuständiger Staatssekretär hat ja üblicherweise noch ein paar andere Aufgaben, als ein Stück alte BRD vor dem Untergang zu bewahren. Versorgungssicherheit, Energieeffizienz und Kohlendioxidabscheidung zum Beispiel. Regulierung der Stromnetze und Emissionshandel. Ukrainisch-russischer Gasstreit und seine Folgen für die Versorgungssicherheit in Europa.

Als Homann im Februar seinen 56. Geburtstag feierte, ahnte er nicht, was auf ihn zukommt. Mitte März kündigt es sich an. Zu Guttenberg fliegt nach New York und Washington, er will mit dem damaligen Führungsduo von General Motors sprechen, Rick Wagoner und dessen Stellvertreter Fritz Henderson. Wenn zu Guttenberg von Termin zu Termin eilt, sieht man hinter ihm oder neben ihm einen Mann mit kurzem Haar und schwarzer Aktentasche: Homann. Das Thema Opel ist jetzt heiß, kaum ein Tag vergeht, an dem nicht große Meldungen über die Zukunft von Opel in den Zeitungen stehen. Mal geht es um milliardenschwere Hilfen, die der Mutterkonzern General Motors fordert, mal darum dass deutsche Ministerpräsidenten öffentlich fordern, der Staat möge in das Unternehmen einsteigen, damit in Hessen oder Nordrhein-Westfalen nicht auf einen Schlag Tausende Arbeitsplätze verschwinden.

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