BA führt jahreszeitliche Gründe an
Keine Entspannung auf dem Arbeitsmarkt in Sicht

Auf dem deutschen Arbeitsmarkt ist angesichts der Konjunkturflaute keine Besserung in Sicht. Die Zahl der Arbeitslosen stieg im Juli um 94 500 auf 4,352 Mill. und damit auf den höchsten Juli-Wert seit sechs Jahren. Bundesweit waren 305 000 Menschen mehr arbeitslos als noch vor einem Jahr, wie die Bundesanstalt für Arbeit (BA) am Mittwoch in Nürnberg mitteilte.

Redaktion NÜRNBERG. BA-Chef Florian Gerster sagte, von einer Konjunkturbelebung werde der Arbeitsmarkt erst 2004 real profitieren. Er rechne dann mit einem Wirtschaftswachstum von 1,3 bis 1,8 %, womit er sich pessimistischer zeigte als die Bundesregierung. Der Ausbildungsmarkt blieb angespannt.

Auch saisonbereinigt stieg die Zahl der Arbeitslosen. Die BA sprach dennoch von einer vergleichsweise günstigen Entwicklung. Sie erklärte dies mit den verstärkten Bemühungen zur Aktivierung von Arbeitslosen und den Reformen am Arbeitsmarkt, die etwa Existenzgründungen erleichtern. „Die jetzige saisonbereinigte Zunahme ist immer noch eine Zunahme, die unter dem liegt, was man angesichts der wirtschaftlichen Lage hätte erwarten können“, sagte Gerster. Saisonbereinigt wurde im Vergleich zum Juni ein Zuwachs um 7 000 auf 4,408 Mill. Erwerbslose verzeichnet. Von Reuters befragte Experten hatten dagegen einen Rückgang um 5 000 erwartet. Banken-Analysten erklärten den Anstieg unter anderem mit dem späten Ferienbeginn. Dieser habe im Juni die Zahlen überraschend deutlich sinken lassen, im Juli aber zu einer schlechteren Entwicklung geführt.

Gerster: Beschäftigungsschwelle wird 2004 überschritten

Gerster zeigte sich zuversichtlich, dass im kommenden Jahr das Wirtschaftswachstum hoch genug ausfällt, um die so genannte Beschäftigungsschwelle zu überschreiten, ab der neue Stellen entstehen. Diese Schwelle sehen Experten bei 1,0 bis 1,5 %. Gerster rechnete in diesem Jahr mit durchschnittlich 4,4 bis 4,5 Mill. Arbeitslosen. Das Vorstandsmitglied Frank Weise bekräftigte, dass die BA weiter von einem Zuschussbedarf durch den Bund von 6,5 bis 7,5 Mrd. € ausgehe. Das aktuelle Defizit per Ende Juli liege bei 4,87 Mrd. €.

Auf dem Ausbildungsmarkt zeichnet sich ab, dass nicht alle Bewerber bis zum Herbst eine Lehrstelle finden werden. Die Situation sei nach wie vor angespannt, teilte die BA mit. Die rechnerische Differenz zwischen unbesetzten Lehrstellen und unversorgten Bewerbern sei im Juli mit einer Lücke von 147 700 erheblich größer gewesen als zum selben Zeitpunkt vor einem Jahr. Damals habe die Lücke 112 700 betragen. Es zeichne sich ab, dass - bei einer etwa gleich hohen Zahl von Bewerbern - bis Ende September etwa 50 000 bis 60 000 weniger Lehrstellen gemeldet würden als im Vorjahr. Ob es dann auch eine entsprechend hohe Zahl unvermittelter Bewerber gebe, hänge davon ab, wie viele sich für Alternativen zur Ausbildung entschieden.

Rekordhoch vom Juli 1997 nur knapp verfehlt

Der höchste Juli-Stand seit der Wiedervereinigung mit 4,354 Mill. Arbeitslosen im Juli 1997 wurde im zurückliegenden Monat nur knapp unterschritten. Die Arbeitslosenquote stieg im Vergleich zum Juni um 0,2 %punkte auf 10,4 %.

Die BA führte den Anstieg der unbereinigten Zahl überwiegend auf jahreszeitliche Gründe wie die Sommerferien zurück. Ein Anstieg ist im Juli üblich. Allerdings stieg auch die saisonbereinigte Zahl leicht an, nachdem diese im Juni und Mai trotz der Konjunkturschwäche überraschend zurückgegangen war. Die BA hatte dies mit erhöhtem Druck auf Arbeitslose, den Reformgesetzen am Arbeitsmarkt und dem späten Beginn der Sommerferien erklärt. So wurde der Arbeitsmarkt auch im Juli von einer zunehmenden Zahl von Existenzgründungen entlastet. Im Juli wagten rund 9000 Arbeitslose mit der vom Arbeitsamt geförderten Ich-AG den Sprung in die Selbstständigkeit. Seit Jahresanfang wurden damit knapp 42 300 Ich-AGs registriert.

Auch die Erwerbstätigenzahl entwickelte sich nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes weiter ungünstig. Saisonbereinigt sei sie im Mai im Vergleich zum April um 34 000 zurückgegangen. Unbereinigt habe es 38,10 Mill. Erwerbstätige gegeben, 660 000 weniger als im Vorjahr.

In Westdeutschland stieg die Arbeitslosenzahl bereinigt um 8000 (nach revidiert minus 19 000 im Juni), während sie im Osten um 1000 (revidiert minus 17 000) sank. Unbereinigt waren demnach im Westen rund 2,734 und im Osten 1,618 Mill. Arbeitslose registriert. Die Arbeitslosenquote lag im Osten mit 18,5 % mehr als doppelt so hoch wie im Westen mit 8,3 %.

Von Reuters befragte Analysten werteten wie die BA die saisonbereinigte Entwicklung als Ergebnis des erhöhten Drucks der Arbeitsämter auf mehr Eigeninitiative der Arbeitslosen. Die Arbeitsämter verzeichnen seither zunehmend Abmeldungen von Arbeitslosen in die Nichterwerbstätigkeit. Jörg Krämer von Invesco Asset Management sagte: „Normalerweise würde die Arbeitslosenzahl derzeit konjunkturbedingt um 40 000 bis 50 000 steigen. In den kommenden Monaten wird vor allem die Politik und nicht die Konjunktur die Arbeitslosenzahl machen.“

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