Baden-Württemberg
Schwere Bürde für Oettingers Nachfolger

Alles deutet darauf hin, dass CDU-Fraktionschef Stefan Mappus dem EU-Kommissar in spe Günther Oettinger als Ministerpräsident von Baden-Württemberg nachfolgen wird. Sollte es so kommen, wird der Neue Chef eines Landes, das sich selten zuvor in größerer Verunsicherung befunden hat. Noch ist die Entscheidung nicht gefallen. Heute berät die Partei, am Dienstag die CDU-Fraktion.
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STUTTGART. "Ich habe auf Vorschlag meine Bereitschaft zur Kandidatur erklärt", sagte Mappus dem Handelsblatt. Sollte es so kommen, wird der robust gebaute Pforzheimer mit 43 Jahren Chef eines Landes, das sich selten zuvor in größerer Verunsicherung befunden hat. In der exportabhängigen Auto- und Maschinenbauindustrie hat die Krise tiefe Spuren hinterlassen. Das Sozialprodukt des einstigen Musterländles dürfte in diesem Jahr um ein Zehntel sinken, die Arbeitslosenquote deutlich über fünf Prozent klettern. Die Schwaben leiden und klagen bekanntlich gerne auf hohem Niveau. Aber diesmal liegen die Gründe tiefer. Im Südwesten ist einiges aus den Fugen geraten. Der sprichwörtliche Fleiß allein wird nicht ausreichen, wieder alles ins Lot zu bringen, was im Überschwang des Erfolges verpatzt wurde. Die Pechsträhne fing damit an, dass sich der Milliardär Adolf Merckle Anfang Januar vor einen Zug warf, weil die zweifelhafte Finanzierung seines Reiches kollabiert war.

Nach der Trennung von Chrysler beginnt Daimler erst in diesem Jahr langsam zu realisieren, dass man nicht mehr der Pulsgeber der deutschen Autoindustrie ist. Die Musik spielt in Wolfsburg. Selbiges wollte Porsche-Chef Wendelin Wiedeking verhindern. Die Zuffenhausener scheiterten aber mit der tollkühnen Übernahme von Europas größtem Autokonzern VW grandios und verloren ihre Eigenständigkeit.

Deutschlands größte Landesbank LBBW verzockte sich vor der Finanzkrise mit Immobilien und Kreditersatzgeschäft und geriet in existenzbedrohende Schieflage. Regierungschef Oettinger machte sich beim Rettungspaket für die LBBW zwar verdient, ließ sich aber vom Koalitionspartner FDP vorführen, als der die Ablösung von LBBW-Chef Siegfried Jaschinski durchsetzte. Just zu einem Zeitpunkt, da die Wirtschaft von den Banken jeden Cent Liquidität braucht, ist das öffentliche Spitzeninstitut mit sich selbst beschäftigt.

Stefan Mappus wird vor allem eines tun müssen: den tief verunsicherten Schwaben wieder Vertrauen in die eigene Leistung zu geben. Oettinger blieb in seiner holzkasperlartigen Amtsführung vieles in der Umsetzung der Politik schuldig. Wenn der wertkonservative Mappus als Landesvater mit ruhigerer Hand führt und ergebnisorientiert arbeitet, wird Baden-Württemberg auch wieder mehr bundespolitisches Gewicht bekommen. In diesem Punkt haben seine Vorgänger Lothar Späth, Erwin Teufel und Oettinger die Latte ja nicht allzu hoch gelegt. Den frisch gebackenen Hobbypiloten-und Fußballer Mappus bezeichnen Wegbegleiter als eine Mischung aus Franz Josef Strauß, Helmut Kohl und Angela Merkel.

Der verheiratete Vater zweier Söhne ist streitbar, verlässt sich auf seinen Instinkt und weiß Fehler des Gegners geschickt für sich nutzen. Wenn aus diesen Talenten Format im Amt wird, könnte Baden-Württemberg auch im Bund wieder mehr Durchschlagskraft bekommen. Ein erstes Signal hat er bereits gesendet: "Ich sehe nicht, dass die Bundesregierung in ihrer Politik Rücksicht auf Baden-Württemberg im Hinblick auf die anstehende Landtagswahl nehmen muss. Im Gegenteil: Ich bin sehr angetan vom Koalitionsvertrag. Jetzt heißt es nur: Bitte umsetzen, dann wird Baden-Württemberg als wichtiger Wirtschaftsstandort davon profitieren."

Martin-Werner Buchenau
Martin-W. Buchenau
Handelsblatt / Korrespondent

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