Bagdad
Einfalt statt Vielfalt in Bagdad

Seit dem Anschlag auf die Goldene Moschee in Bagdad mussten Zehntausende unschuldiger Menschen ihr Leben lassen, weil sie der falschen Konfession angehören. Milizionäre kontrollieren die Stadtviertel – auch das von Ahmed. Er zumindest hat Glück gehabt: Den religiösen Säuberungen der Milizionäre ist die Familie gerade noch entkommen. Die meisten Vertriebenen jedoch werden heimatlos im eigenen Land.

BAGDAD. Vor dem Einmarsch der US-Truppen in Bagdad wohnte Ahmed mit seiner Frau und den zwei Kindern in einem Randbezirk der Hauptstadt. Das Viertel glich einem bunten Paradies: Araber lebten neben Kurden und Turkmenen, Schiiten und Sunniten neben Christen, Mandäern und Yaziden in friedlichem Miteinander von Brüdern und Schwestern, die keinen Unterschied zwischen den einen und den anderen kennen. Jeder schätzte und respektierte die anderen Volksgruppen und Konfessionen und freute sich an den vielfältigen religiösen Festen, da doch allesamt an den einen, einzigen Gott glauben und ihm ein jeder auf seine Weise seine Ehrerbietung erweist. Der Reiche half dem Armen, alle hielten in Freud und Leid zusammen.

Mit dem Einmarsch der US-Truppen in den Irak am 20. März 2003 und dem Fall Bagdads in die Hände der Besatzer am 9. April wurde dieses Land von Tausenden und Abertausenden Schicksalsschlägen heimgesucht, die kaum ans Tageslicht kommen und die sich Ahmed nicht einmal in seinen schlimmsten Albträumen hätte ausmalen können. Noch nie hatte er von einem Konfessionszwist oder -krieg gehört – bis der Knall einer Bombe im 125 Kilometer entfernten Samarra auch Ahmeds Viertel zerriss.

Niemand weiß, wer an jenem 22. Februar 2006, an jenem schwarzen Mittwoch, schuld ist, als die Goldene Moschee der Stadt explodierte. Bisher wurde die Moschee von den Sunniten gepflegt, weil die zwei der zwölf rechtgeleiteten schiitischen Imame, die von Schiiten und Sunniten gleichermaßen geehrt werden, dort in einem goldenen Schrein ruhen: Ali Al-Hadi, der im Jahr 868 starb, und sein Sohn, der elfte Imam Hassan Al-Askari, der 874 starb.

Seit dem Anschlag mussten Zehntausende unschuldiger Menschen ihr Leben lassen, weil sie der falschen Konfession angehören. Und nur Allah weiß, wie viele Hunderttausende zu Invaliden gemacht oder aus ihren Häusern vertrieben wurden. Wie viele im Ausland ihr Heil suchten, am Heimweh zerbrachen oder heimat- und obdachlos im eigenen Land dahinvegetieren oder sich bewaffneten Banden anschlossen, um „Rache“ und „Vergeltung“ zu üben.

Milizionäre kontrollierten auch Ahmeds Viertel. Zuerst war der Nachbar mit seiner zwölfköpfigen Familie dran. Bewaffnete schlugen an seine Haustür und sagten: „Du musst innerhalb von 24 Stunden das Haus verlassen.“ Auf die verblüfften Fragen „Warum?“ und „Wo soll ich hin?“ antworteten die Männer in Schwarz lapidar: „Das geht uns nichts an. Wir haben allein in unserer Moschee 75 vertriebene Familien unserer Glaubensgenossen. Wir brauchen Platz für sie. Also mach’s kurz, sonst zahlt ihr mit dem Leben!“

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