Banda Aceh: Die Aufräumarbeiten gehen weiter: Außenminister Fischer lobt und motiviert

Banda Aceh: Die Aufräumarbeiten gehen weiter
Außenminister Fischer lobt und motiviert

Noch immer werden in Banda Aceh im Norden der indonesischen Insel Sumatra täglich bis zu 500 Leichen geborgen. Der Wiederaufbau wird eine Aufgabe von längerer Dauer sein, darauf richten sich die Helfer der 68 Hilfsorganisationen ein. Gleichzeitig hoffen alle auf ein Ende des Bürgerkrieges.

HB BANDA ACEH. „Das hat Gott so gewollt.“ Ergeben sitzt der alte Mann in der untersten Etage seines zerstörten Hauses, stockend berichtet er, dass ihm der Tsunami seine Frau genommen habe, vier Kinder und drei Enkel, er selbst hat überlebt, fest an einen Kokosnussbaum geklammert.

So gehen die Geschichten in dem von der Flutkatastrophe besonders stark getroffenen Banda Aceh im Norden der indonesischen Insel Sumatra. Nichts mehr war wie vorher, selbst die Küstenlinie nicht, nachdem in den Morgenstunden des 26. Dezember eine 30 Meter hohe Welle fünf Kilometer weit ins Land spülte, Straßen, Brücken, die Wasser- und Stromversorgung zerstörte und mehr als 100 000 Menschen allein in dieser Provinz in den Tod riss.

Noch immer werden hier täglich bis zu 500 Leichen geborgen, noch immer türmen sich hier Schlamm und Unrat, Schiffe liegen seitwärts gekippt in Straßen, Fliegen schwirren über nach Moder riechenden braun glänzenden Pfützen – dabei wurden nun schon ganze sechs Wochen aufgeräumt. „Der direkte Nothilfeeinsatz ist im Grunde vorbei“, sagt Wolfgang Kulwicki, Teamleiter beim Technischen Hilfswerk (THW) in Banda Aceh.

Die ersten, schnell und provisorisch aufgebauten Zeltcamps sind leer, die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (gtz) hat im Auftrag der Bundesregierung für stabilere, aus Holz gezimmerte Hütten gesorgt, in der bis zu zwei weitere Jahre überbrückt werden können. Das THW kümmert sich um die Versorgung der Camps mit Trinkwasser und Abwasserentsorgung. Die Region ist neben Sri Lanka ein Schwerpunktgebiet der deutschen Wiederaufbauhilfe. Auch die Kanzleridee von Hilfeleistungen in Form langfristiger, nachhaltiger Partnerschaften läuft in Aceh langsam an. So will die Universität Göttingen die Koordination zum Wiederaufbau der Syiah Kuala Universität übernehmen. Das Konzept ist in Planung.

Hoffnung auf ein Ende des Bürgerkrieges

Der Wiederaufbau wird eine Aufgabe von längerer Dauer sein, darauf richten sich die Männer und Frauen der 68 Hilfsorganisationen vor Ort ein. Doch gleichzeitig nähren die Zusagen der internationalen Gemeinschaft, für den Wiederaufbau der zerstörten Gebiete umfangreiche Hilfen zu leisten, die Erwartung auf ein mögliches Ende des seit Jahren schwelenden Bürgerkriegs. „Ich sehe mit einer gewissen Hoffnung, dass die indonesische Regierung die Katastrophe als Chance zum Ausgleich nutzen will“, sagte Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) am gestrigen Freitag bei seinem Besuch in Banda Aceh zum Abschluss seiner neuntägigen Asien-Pazifik-Reise, die ihn zuvor nach Ost-Timor, Australien, Neuseeland und Malaysia geführt hatte. Auch Kulwicki zufolge ist es jetzt „wichtig, den Fuß in der Tür zu halten, damit das Land nicht in seinen ursprünglichen Zustand zurückfällt“.

Aceh hat eine jahrhundertealte Geschichte als selbständiges Sultanat mit eigener Identität und starker muslimischer Prägung. Die entlegene Region, bis Ende des 19. Jahrhunderts unabhängig, leistete zunächst hartnäckigen Widerstand gegen die niederländische Kolonialmacht. Nach Gründung der Republik Indonesien beschlossen die Achenesen, eigenstaatliche Wege gehen zu wollen. Seit Ende der siebziger Jahre kämpft hier die Bewegung für ein freies Aceh (Gerakan Aceh Merdeka, GAM) für die Unabhängigkeit.

Der Konflikt eskalierte 1999 nach der Loslösung Ost-Timors. 2003 verhängte Indonesiens Hauptstadt Jakarta das Kriegsrecht über Aceh und entsandte Soldaten und Polizisten mit dem Ziel, die Unabhängigkeitskämpfer auszurotten. Der Kampf zwischen Separatisten und Regierungstruppen kostete Zehntausende Menschen das Leben. Seit der Flut lässt die indonesische Regierung Journalisten und ausländische Helfer nach Aceh einreisen, auch ausländisches Militär.

Die Bundeswehr ist mit einem Lazarett- und einem Versorgungsschiff vor Ort. Die Guerilla akzeptierte ein Angebot für einen begrenzten Waffenstillstand. Dennoch kam es mehrfach zu gewaltsamen Zusammenstößen. Die Polizei mit ihren Schnellfeuergewehren ist allgegenwärtig, Militär rollt ihre Panzer durch die Straßen, allerdings: behindert bei ihrer Arbeit würden sie nicht, berichtet THW-Mann Kulwicki.

Die Aufräumarbeiten gehen weiter. 23 verschiedene Staaten haben ihre Helfer geschickt, australische Soldaten etwa, die Schiffe von den Straßen schaffen, und Bundeswehrsoldaten, die das „General Hospital“ wieder aufnahmefähig machen, ein ehemaliges Vorzeigekrankenhaus, dass dann von der Flut überspült wurde, alle 126 Patienten in den Tod riss und die Hälfte des Personals. Auch hier lagen Leichen, Schutt und Dreck, das meiste ist weggeschafft und trotz noch fehlender Geräte ist der Alltag ein Stück weit zurückgekehrt. Zusammen mit dem THW hat die Bundeswehr für die Wasser- und Stromversorgung. Inzwischen sei kaum noch eine Verletzung auf die Flutkatastrophe zurückzuführen, berichtet der Bundeswehrsprecher vor Ort, Walter Huber Schmidt.

Behandelt wird alltägliches Leid. Die Mücken haben einen Fall von Dengue-Fieber gebracht. Dank der enormen Spendenbereitschaft ist wenigstens Geld vorhanden für Banda Aceh, freut sich gtz-Mann Hanns Pollack, „man kann sich auf Projekte konzentrieren“. Das Geld fließt indes nur spärlich. „Wir hoffen nach dem Besuch des Ministers, dass weiteres Geld freigegeben wird“, sagte Kulwicki. Den häufig gehörten Vorwurf, die Hilfsmaßnahmen liefen unkoordiniert, weisen die Helfer von sich.

Joschka Fischer lobt, motiviert, der Minister weiß, zu Hause in Deutschland wird eine ganz andere Debatte über ihn geführt, aber hier, noch gute dreizehn Flugstunden von Berlin entfernt, ist er noch unbehelligt von derlei Ärger. „Wenn ich im Ausland bin, nehme ich grundsätzlich zu Fragen der Innenpolitik nicht Stellung“, so sein abwehrender Satz in Banda Aceh. Doch in der Nacht ist er wieder in Berlin gelandet. Der Missbrauch bei der Vergabe deutscher Visa und die Frage, warum Deutschlands beliebtester Politiker darauf vielleicht zu spät reagiert hat, wird ihn jetzt einholen.

Spenden für die Aktion "Wirtschaft hilft" können unter der Konto-Nr. 211920100 (BLZ: 30080000) bei der Dresdner Bank, Düsseldorf, unter dem Stichwort „Wirtschaft hilft“ eingezahlt werden.

@ Die Spendenaktion finden Sie unter www.handelsblatt.com/ wirtschafthilft

Silke Kersting
Silke Kersting
Handelsblatt / Korrespondentin
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