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Bastian Kuhl: Ausbilder am Hindukusch

Als Soldat erlebt Bastian Kuhl die katastrophale Bildungssituation in Afghanistan hautnah. Zurück in Deutschland will er etwas gegen diesen Zustand tun: Er gründet eine Fern-Universität mit Internet-Vorlesungen, die auch die entlegensten Dörfer erreichen.

Unterricht in Afghanistan: Die Bildungssitution in dem durch Kriege gebeutelten Land ist prekär. Quelle: Martin Gerner
Unterricht in Afghanistan: Die Bildungssitution in dem durch Kriege gebeutelten Land ist prekär. Quelle: Martin Gerner

Die Antwort auf eine einfache Frage ändert das Leben von Bastian Kuhl. "Wo siehst du dich selbst in fünf Jahren?" fragt er den jungen Mann in einem der entlegenen Dörfer im afghanischen Hinterland. Die erwartete Antwort - in einem eigenen Haus, mit Familie und einem guten Beruf - bekommt er nicht. Alles, was der junge Mann sagt ist: "Ich bin froh, wenn ich dann noch lebe."

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Kuhl, der als Offizier im Einsatz in Afghanistan war, begreift die Tragweite dieser Aussichtslosigkeit erst so richtig, als er wieder in Deutschland ist. Er erzählt seiner Frau, wie dringend mehr Bildung in den weit verstreuten Dörfern nötig ist. Und dann hat er plötzlich die Idee. Wie bei einem Puzzle, bei dem nur das letzte Teil gefehlt hat. Er wird eine Fern-Universität gründen. Netzbasiert, mit Vorlesungen zum Herunterladen - denn die Zahl der Internetcafés steigt auch in Afghanistan. Die Dozenten sind Deutsche, die ihr eigenes Wissen ehrenamtlich zur Verfügung stellen. So lassen sich die Studiengebühren auf ein Minimum reduzieren, man braucht keine Räume und das Internet ersetzt die nicht vorhandene Infrastruktur. "Ich hatte zwar keine Ahnung, ob und wie das funktionieren würde, aber wir haben einfach angefangen", schildert Kuhl begeistert die ersten Monate seines Projekts.

Zusammen mit Kameraden, die wie er an der Universität der Bundeswehr ihren Abschluss gemacht haben, entwirft er 2006 die Vorlesungen, die Kontakte nach Afghanistan sind da. Der erste Jahrgang beginnt mit sechs Studenten, mittlerweile sind 360 am Afghan German Management College (AGMC) eingeschrieben. Im kommenden Jahr werden die ersten Absolventen des Bachelors of Business Administration auf den afghanischen Arbeitsmarkt treffen. IBM hat für das College eine Lernplattform programmiert, über die mittlerweile auch internetbasierte Tests geschrieben werden können. Die Unesco hat das Projekt für seine Nachhaltigkeit offiziell anerkannt, jetzt fehlt nur noch die Akkreditierung der afghanischen Regierung. Und obwohl Kuhl inzwischen gar nicht mehr bei der Bundeswehr ist, sondern als Unternehmensberater arbeitet und eine Frau und zwei Kinder hat, findet er immer noch die Zeit, sich weiter für das College einzusetzen.

"Bildung ist die einzige Perspektive, die die jungen Afghanen haben", sagt Professor Michael Daxner, der die afghanische Regierung 2003 und 2005 beraten hat und in den letzten sieben Jahren selbst zehn Mal ins Land gereist ist. "Wenn sie nicht auswandern oder sich den Taliban anschließen wollen, müssen sie studieren." Deshalb schätzt er den Ansatz des AGMC sehr: "Die Fachschule bietet das, was dem Land wirklich fehlt. Es ist ein sehr gutes Konzept", findet der Experte. Es trage dem Stadt-Land-Gefälle Rechnung, das sich in den vergangenen Jahren noch verstärkt habe: Je mehr Infrastruktur in den Provinzhauptstädten wie Kunduz und Mazar-el-Sharif entstehe, desto größer würde der Abstand zu den verstreuten Dörfern. Lange bot die Hauptstadt Kabul die einzige Möglichkeit zum Studieren.

Das Internet kann die Bildung in die weit verstreute Ebene bringen. Auch wenn Kuhls afghanische Partner anfangs große Zweifel hatten, ob sich das Netz als Lerninstrument nutzen lassen würde. "Bastian, du bist verrückt", sagte Samiullah Ajobi, der nun in Afghanistan für die Administration des AGMC verantwortlich ist, als ihm Kuhl das erste Mal von seiner Idee erzählte. Heute kann er darüber lachen, denn das Konzept ist aufgegangen: Die Vorlesungen des AGMC sind kommentierte Powerpoint-Präsentationen auf Englisch, die sich die Studenten ausdrucken können. Arbeitsgruppen finden sich über ein virtuelles Programm zusammen, viele Studenten desselben Jahrgangs haben sich noch nie gesehen. Dafür arbeiten die sieben Dozenten in Deutschland umso enger zusammen. Und Kuhl spornt sie als Präsident mit seiner Unermüdlichkeit immer wieder an.

Der 35-Jährige sitzt in seiner Küche in Düsseldorf, heller Parkettboden, große Fenster mit bunten Vorhängen, dazu passendes Geschirr, ein weißer Tisch, zwei Kinderstühle. Afghanistan scheint sehr weit weg. Und doch ist es in seinem Kopf jeden Tag da. Kuhl trägt die rotblonden Haare sehr kurz, ein weiß-rot gestreiftes Hemd, sein Gesicht sieht jung aus - keine Spur der anstrengenden letzten Jahre. Für drei Einsätze war er am Hindukusch stationiert, 2004, 2005 und 2007.

Als Chefredakteur arbeitete Kuhl für den Bundeswehr-Radiosender Sada-e-Azadi ("Stimme der Freiheit"), dem wichtigsten Medium zur Information der Zivilbevölkerung: "Afghanen haben eine ausgeprägte Redekultur, sie hören gerne Geschichten", erzählt Kuhl. Und so hatte er im Gegensatz zu vielen anderen Soldaten die Möglichkeit, durchs ganze Land zu fahren, mit jungen Menschen ohne Perspektiven zu reden, das brachliegende Bildungssystem kennenzulernen, Kinder zu treffen, die nicht wissen, was ein Stift ist. An seine Kompanie in Deutschland schreibt er E-Mails: "Die Leute in der Stadt scheinen uns freundlich gesinnt zu sein, es wird viel gewunken, Kinder laufen neben den Autos her und singen." Aber auch: "Wie mir ein dreckverschmierter Fünfjähriger sagte, geht er für zwei Stunden pro Tag in die Schule, aber den Rest des Tages muss er in der Mechanikerwerkstatt seines Vaters mitarbeiten." Kuhl will daran etwas ändern.

Er ist eher ein Macher als ein Denker, davon überzeugt, dass sich schon alles fügen wird. Die Probleme werden gelöst, wenn sie auftreten, es gibt vorher keinen genauen Plan, wie alles abzulaufen hat. In Afghanistan kümmerte er sich zum Beispiel - "neben dem ganz normalen Wahnsinn" - um die Senderverstärkung des lokalen TV-Senders. Denn dessen Empfang wurde durch das BundeswehrRadio gestört. Er nahm Verbindung mit dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) auf, ein Bekannter vom WDR brachte einen Verstärker zur Bundeswehr nach Köln-Wahn, von dort wurde er direkt nach Kunduz geschickt. Schnell, pragmatisch, engagiert, das sind Eigenschaften, die Kuhl auch bei seinem jetzigen Beruf sehr zugute kommen.

Seit mittlerweile einem Jahr arbeitet er als Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group (BCG) Vollzeit. Nach dem Ende der 13-jährigen Bundeswehrzeit machte er einen MBA an der ESB Business School in Reutlingen. "Mein BWL-Abschluss war fünf Jahre her, ich hatte Führungserfahrung, und wollte richtig eintauchen in die Welt der Wirtschaft", erklärt er den Entschluss. Die Führung des Colleges gibt er an seinen Kameraden Sebastian Hertel ab, denn so viel Zeit wie vorher kann er nun nicht mehr investieren. Aber als Präsident behält er die Verantwortung für die strategische Ausrichtung. Er schreibt ein Strategiepapier für das College als Abschlussarbeit in Reutlingen - über BWL-Instrumente, die er auf sein nicht gewinnorientiertes Projekt anwendet.

Bei BCG zählt er als ehemaliger Offizier zu den sogenannten Exoten. Seit Kuhl als Berater arbeitet, muss er für die Arbeit am College seine "Magic Time" nutzen, wie in Beraterkreisen die Zeit nachts und am Wochenende genannt wird. Doch das Wochenende ist auch die einzige Zeit, die er mit seiner Familie hat. Von Montag bis Donnerstag arbeitet er bis spät abends bei Industriekunden in ganz Europa. Man könnte meinen, er müsste ständig überarbeitet und müde sein. Anmerken lässt er sich das aber nicht. Wenn er freitagabends nach Hause kommt, ist seine Frau Ute noch wach, sie ist Erzieherin und kümmert sich um die beiden Töchter Leni und Emily. Der Samstag ist Familientag, an dem sie auch mal bis mittags im Schlafanzug in der Wohnung bleiben. Und Afghanistan und die Beratung als harte Realität außen vor.

Emily sitzt am Küchentisch und malt eine Blume, die so groß ist wie der Baum daneben. Und die zweijährige Leni hätte gerne ein "Pätzchen", einen Schokoladenkeks, mit dem sie Richtung weißes Sofa verschwindet. "Die Zeit, die ich nur mit meiner Familie habe, gibt mir viel Kraft." Seine Frau unterstützt ihn, wie sie kann. Trotzdem bleibt für die beiden allein nur sehr wenig Zeit. Doch das College ist es ihm wert, sich die Nächte um die Ohren zu schlagen: "Und wenn es nur zehn Leute wären, denen man so eine Perspektive bieten kann."

Das sieht Kathrin Hamm ähnlich. Die 27-Jährige ist eine der Dozentinnen der Fern-Uni, eine der "Juwelen" wie Kuhl seine Kollegen nennt. Hamm hat einen Abschluss als Wirtschaftswissenschaftlerin der Universität Witten/Herdecke. "Das Feedback aus Afghanistan gibt einem jeden Tag den Grund weiterzumachen", sagt Hamm. Sobald sie ihren Computer einschaltet, steht der direkte Draht nach Afghanistan: Es kommen Fragen zur Vorlesung, Kommentare, Wünsche, Lob. "Unsere Studenten saugen alles Wissen auf. Jeder einzelne ist wie ein trockener Schwamm, sie wollen immer mehr Informationen, mehr Artikel, die sie lesen können, mehr Aufgaben." Das zeige ihr, wie viel Sinn die zehn Stunden machen, die sie Woche für Woche mindestens in das Ehrenamt investiert. Telefonkonferenzen mit den anderen Dozenten müssen auch mal um 23 Uhr oder um fünf Uhr morgens stattfinden, damit alle Zeit haben. "Bastian tritt in enorme Vorleistung, das zieht alle anderen mit."

Das hört Kuhl nicht so gerne, denn er möchte das AGMC nicht als sein Projekt verstanden wissen. "Unser großer Vorteil ist das Engagement jedes Einzelnen, das man nicht einfordern muss, sondern das von selbst kommt", sagt Kuhl. Bisher sind alle dabei geblieben, die er einmal für sein Projekt gewonnen hat. Das macht er auf eine ganz ruhige, souveräne Art. Weil er weiß, wovon er spricht, wenn es um Afghanistan geht, vertrauen ihm alle. Weil alle wissen, dass er unheimlich diszipliniert sein muss, um alles zu organisieren, unterstützen sie ihn, indem sie sich selbst so viel wie möglich einbringen.

Wo Kuhl die ganze Kraft hernimmt, fragt sich aber auch Thomas Brackmann manchmal. Er kennt Kuhl noch aus der Bundeswehrzeit, auch er hat am Aufbau des Colleges mitgewirkt. Schon während seines ersten Einsatzes berichtete er: "Es gibt hier so viele Kinder und es ist gut, dass wenigsten einige von ihnen die Schule besuchen können und Mathematik, Dari, Biologie, manchmal auch Englisch lernen können. Das ist die Zukunft des Landes."

Brackmann beschreibt Kuhl als strebsam, ehrgeizig und ambitioniert, bereit zu knallhartem wirtschaftlichen Denken als Berater und Stratege. "Als Vorgesetzter konnte er sehr streng sein, wenn es nötig war", sagt Brackmann. Auf der anderen Seite nehme das soziale Engagement einen Großteil von Kuhls Lebens ein und stünde für den anderen Teil seiner Persönlichkeit.

Doch obwohl Kuhl das Land inzwischen gut kennt und einige Kontakte vor Ort hat, ist die Akkreditierung des Colleges durch das afghanische Bildungsministerium noch immer die größte Herausforderung. Denn die Voraussetzungen dafür sind so hoch, dass sie kaum zu erfüllen sind: Ein afghanischer Direktor müsste der Hochschule vorstehen, und es muss ein Stück Land gekauft werden, auf dem auch ein Gebäude steht. Der große Vorteil, den das AGMC hat, nämlich die große Reichweite über das Internet, reicht der Regierung nicht aus. Denn der Server in Deutschland könnte von heute auf morgen heruntergefahren werden, dann stünden die Studenten ohne Abschluss da. Auch deshalb geben Kuhl und seine Kollegen nach jedem Semester ein Zertifikat aus. Und denken darüber nach, in den nächsten Jahren auch Präsenzveranstaltungen anzubieten und afghanische Dozenten zu rekrutieren.

Für ein Stück Land, fehlt jedoch das Geld, denn die Studiengebühren von 60 US-Dollar im Semester decken gerade mal die nötigsten Ausgaben für die Mitarbeiter in Afghanistan und die Ausstattung. Aber Kuhl und sein junges Team lassen sich nicht entmutigen: "Bastian hat gezeigt, dass Soldaten nicht nur kämpfen und Brücken bauen können", sagt Brackmann. "Wenn wir nicht bei der Bundeswehr und in Afghanistan gewesen wären, gäbe es das College nicht."

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