Bauwerk des Jahres
Stuttgart 21 – Symbol der Veränderung

Christoph Ingenhoven hat mit dem Stuttgarter Bahnhof einen großen städtebaulichen Entwurf abgeliefert, für den gewichtige wirtschaftliche und infrastrukturelle Gründe sprechen. Aber so wie viele andere Meisterwerke der Geschichte auch, ist das Bauprojekt umstritten. Die Gesellschaft will erhalten, nicht verändern.
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Weshalb Christoph Ingenhoven? Und warum wird ausgerechnet sein Projekt zum Bauwerk des Jahres gekürt? Die naheliegende Antwort ist: Weil kein anderes Bauvorhaben die Gemüter in Deutschland 2010 so erhitzt hat wie Stuttgart 21. Spätestens seit Beginn der Abrissarbeiten am Nordflügel des derzeitigen Kopfbahnhofs hat sich das Thema zum medialen Dauerbrenner entwickelt. Man könnte zwar sagen, das hat mehr mit Politik als mit Architektur zu tun. Aber wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass sich ein politischer Konflikt an einer städtebaulichen Vision entzündet - genauer gesagt: an einer Idee, die die Schwaben-Metropole verändern wird.

Denn heute schneidet eine Brache aus Gleisen die Stadt in zwei Hälften. S21 hebt diese Teilung auf; es verbindet, was bisher getrennt ist. An die hundert Hektar werden durch den unterirdischen Durchgangsbahnhof frei - eine Fläche, die zur Keimzelle eines neuen grünen Stadtviertels werden kann. 2 000 Bäume sollen gepflanzt, Tausende Wohnungen gebaut werden - und das alles nicht an der Peripherie, sondern im Zentrum: S21 gibt Stuttgart eine neue, attraktive Mitte.

Kein Wunder also, dass Christoph Ingenhovens Entwurf - bereits 1997 von einer fachkundigen Jury unter 190 Bewerbern ausgewählt - einen Preis nach dem anderen gewinnt. So erhielt das Konzept bei der internationalen Immobilienmesse in Cannes nicht nur die Auszeichnung in der Kategorie "Große städtische Projekte"; der Entwurf wurde auch zum Gesamtsieger erklärt, weil er Stuttgart - so die Jury - "hervorragende Entwicklungsmöglichkeiten" biete. Er beseitige Barrieren, vergrößere die "grüne Lunge" der Stadt und erhalte ihr historisches Bahnhofsgebäude.

Schon ein Jahr später folgte die nächste Auszeichnung. Diesmal sollte eine andere Jury ein Projekt küren, das "am besten den Leitgedanken der Nachhaltigkeit umsetzt", verstanden als "ökologische, ökonomische und soziale Qualität", ergänzt um den Aspekt der "ästhetischen Wirkung". Die Fachleute hatten die Wahl zwischen 3 000 Bewerbungen aus 118 Ländern; sie entschieden sich für Christoph Ingenhoven und S21. Klaus Töpfer, zehn Jahre Bundesumweltminister und anschließend Leiter des Uno-Umweltprogramms, hielt die Festrede.

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  • Sehr geehrter Herr Zetsche,

    zunächst einmal: ich bin gegen S21, dieses Projekt, das zum einen aus einer Neubaustrecke besteht, die der Güterverkehr nicht nutzen kann und aus einem Tiefbahnhof, der (mindestens) 4,1 Milliarden Euro verschlingt und für den noch nicht einmal nachgewiesen werden kann, dass er zumindest die Effizienz des heutigen Kopfbahnhofs erreicht. Wir haben eine bessere Alternative: K21. beim Kopfbahnhof 21 werden auch 75 Hektar Fläche frei (vor allem durch die Verlegung des Abstellbahnhofs nach Untertürkheim). K21 kostet nicht mal die Hälfte von S21 und wir könnten die freiwerdenden Flächen sofort nutzen, nicht erst in 15 oder 20 Jahren. Das Mineralwasservorkommen wäre nicht gefährdet, man müsste keine 200 Jahre alten bäume fällen… es gibt zahlreiche weitere Gründe dafür, sich für K21 einzusetzen. Nicht zuletzt könnte mit dem eingesparten Geld der Nahverkehr im ganzen Ländle ausgebaut werden. Wir sind für den Fortschritt! Aber der Fortschritt muss allen bürgern dienen, nicht den wirtschaftlichen interessen Einzelner. Wir wollen eine lebenswerte Welt. Wir wollen Natur. Und wir wollen Altes bewahren. Gerade in einer Stadt wie Stuttgart, die durch den Krieg und die Nachkriegszeit so viel an alter bausubstanz verloren hat (und das sage ich mit meinen 30 Lebensjahren). Wir wollen Natur und Kultur bewahren. Und wir wollen keinen Tunnelbahnhof nebst 60 km Tunnel durch ganz Stuttgart nebst öden Neubaugebieten a la bibliothek 21 oder betonierten Plätzen wie dem Pariser Platz, der seinen Namen wahrlich nicht verdient. Wir wollen K21 - zu einem vernünftigen Preis. Wir sind Schwaben. Wir können rechnen. Und genau deshalb wollen wir: ObEN bLEibEN.

  • @Ralf Weber und ähnliche Zukunftsorientierte könnten sich ja mal über die Gegenwart informieren, z.b. hier
    http://www.morgenpost.de/wirtschaft/article1491789/Ein-insider-packt-ueber-Zustaende-bei-der-bahn-aus.html

    Aber nein, aber nein - Erfolge im laufenden betrieb sind halt weniger sexy als so ein Glitzerhochglanzprojekt, gell.

  • bitte baut den komischen und absolut unpassenden ingenhoven-bahnhof doch nach Düsseldorf - da stört er vielleicht weniger - aber trotzdem noch ein Tip: am besten tief im Rhein versenken!

    Auf jeden Fall möchte ihn kaum jemand in Stuttgart!

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