Bayern-Politik
Seehofer: Aufstieg eines Sozialromantikers

Die CSU will Horst Seehofer nicht nur als neuen Parteivorsitzenden, sondern wohl auch als neuen Ministerpräsidenten von Bayern sehen. Die Berufung eines Kandidaten aus Berlin ist ein Traditionsbruch, der die ganze Partei verändert. "Der Horst, der muss das jetzt machen", ist die einhellige Meinung unter Gamsbärten und Lodenjackenträgern.

MÜNCHEN. Der Katholische Männerverein Tuntenhausen hat zwar einen lustigen Namen, ist aber eine ernste Angelegenheit. Gegründet vor 140 Jahren als Bauernverein, kümmern sich die Mitglieder heute um Fragen zu Gesellschaft und Religion. Zur Wallfahrt und Jahrestagung in dem gleichnamigen malerischen Weiler in Oberbayern gab es gestern deftige Brotzeiten und klare Worte. Hier, das kann man trotz des Alpenpanoramas platt sagen, ist die CSU zu Hause.

Hier, so sollte man meinen, finden sich Parteigänger, die Horst Seehofers Aufstieg an die Parteispitze und in das Amt des Ministerpräsidenten argwöhnisch beäugen. Zu sozialromantisch eingestellt ist der Mann eigentlich und im Privatleben zu angreifbar, um hier im Gasthof Schmid bei Bauern und Selbstständigen, bei Handwerkern und Studenten der Betriebswirtschaftslehre, Anklang zu finden. Doch weit gefehlt. "Der Horst, der muss das jetzt machen", ist die einhellige Meinung unter Gamsbärten und Lodenjackenträgern. "Wir haben ja sonst keinen, den wir da hinstellen können."

Volkes Mund hat gestern also schon entschieden, und die große Politik folgt schnell. Die CSU bekommt einen neuen Parteichef und Bayern einen neuen Ministerpräsidenten. Und wenn nicht alle Anzeichen trügen, dann heißt der Mann in beiden Fällen Horst Seehofer. Seine Kontrahenten, Wissenschaftsminister Thomas Goppel und vor allem Innenminister Joachim Herrmann, haben zwar noch nicht aufgegeben, aber nur Letzterem werden noch Außenseiterchancen eingeräumt. Gestern Nachmittag immerhin verhandelten die drei noch im Ingolstädter Büro der CSU. Am Mittwoch soll die Landtagsfraktion beschließen, dass Seehofer als Regierungschef nach München wechseln soll. Am 25. Oktober schließlich wird ein Sonderparteitag das Ergebnis absegnen.

Gespräche im Landtag, ein Geheimtreffen am Rande der Feierlichkeiten zum 20. Todestag von CSU-Ikone Franz Josef Strauß, der nahezu einstimmige Beschluss der mächtigen Oberbayern-CSU am Samstag, die Ämter von Partei- und Regierungschef in die Hände Horst Seehofers zu legen, und vor allem die vielen Telefonate, die hin und her gingen, beschleunigten die Nachfolgeregelung. "Es geht eine Welle durch die Partei, die eine starke Hand fordert", sagt der junge Bezirkschef Niederbayerns, Manfred Weber.

Doch Seehofers schneller (Wieder-)Aufstieg kann nicht verdecken, dass damit im Eilschritt traditionell gültige Koordinaten im CSU-Machtgefüge verschoben werden. Weg von München, hin nach Berlin. Weg von der CSU-Landtagsfraktion, die sich selbst als die "Herzkammer" der Partei sieht, sich jetzt aber augenscheinlich nicht mal mehr auf einen eigenen Kandidaten einigen konnte, hin zur Landesgruppe im Bundestag, die nicht vergessen hat, dass sie bei der Erbfolgeregelung für Edmund Stoiber Anfang 2007 übergangen worden war.

Peter Ramsauer, Chef der Landesgruppe, wollte sich vergangene Woche noch nicht recht darüber freuen und forderte, Seehofer solle in Berlin bleiben. Hier immerhin werden die kommenden Wahlen entschieden. Heute hört sich das anders an: "Wenn Horst Seehofer Parteivorsitzender und Ministerpräsident wird, geht das völlig in Ordnung", sagt Ramsauer. "Ich habe immer gesagt, die Kombination der beiden Ämter geht dann gut, wenn der Ministerpräsident und Parteivorsitzende eine starke bundespolitische Verankerung und Gewicht in Berlin hat. Das ist bei Horst Seehofer unzweifelhaft der Fall."

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