Bayern
Seehofer an allen Fronten

Landesbank-Desaster, Minister-Rücktritt, geschundene CSU-Seele: Bevor Horst Seehofer am Montag bayerischer Ministerpräsident sein kann, hat er alle Hände voll zu tun.

MÜNCHEN/BERLIN. In Rosenheim war kürzlich zu besichtigen, wie sich die Bayern ihre Regenten so vorstellen. "Adel in Bayern" hieß die Ausstellung, in der allerhand Nippes aus den Jahrhunderten der Wittelsbacher Herrschaft zusammengetragen worden war. In Öl hing da der einst mächtige Ladislaus von Fraunberg, den ein Prominentenmaler im 16. Jahrhundert mit einem Leoparden an der Hand abbilden durfte. Und sogar der angerauchte Zigarettenstummel einer gewissen Lola Montez fand Platz in einer Vitrine. Diese Tänzerin war Mitte des 19. Jahrhunderts in Bayern so bekannt wie Gabriele Pauli heute. Montez war die Geliebte König Ludwigs I. Das Volk, so ist zu hören, blickte ungnädig auf die Liebschaft, in den Unruhen der Märzrevolution musste der König abdanken. Doch das blieb eine Ausnahme.

Denn die Bayern, das lehrt der Rundgang, verzeihen ihren Herrschern vieles. Nur eines nicht: dass sie zur Lachnummer werden, dass sie den Freistaat in der weiten Welt nicht so mächtig erscheinen lassen, wie der sich zu Hause fühlt. So gesehen kann der Übergang von Günther Beckstein und Erwin Huber zu Horst Seehofer auch aus der langen bayerischen Geschichte begründet werden. Zu zaghaft, zu schmächtig, zu wenig wortgewaltig haben "de zwoa", wie das Duo schnell abwertend hieß, das stolze Bayern in Berlin und der Welt vertreten.

Horst Seehofer zeigt schon in der Krise um die Landesbank (LB), dass er da anders hinlangt. Am Samstag, so der Zeitplan, soll er zum CSU-Chef gewählt werden, am Montag mit den Stimmen der FDP zum neuen Ministerpräsidenten. In diesen Tagen punktet er als Krisenmanager, die Koalitionsverhandlungen sind auf einem guten Weg, und bei der BayernLB kämpft er kraftvoll um Aufklärung. Auch sein Ex-Rivale um das Amt des Parteichefs, Erwin Huber, bekam die neue Gangart zu spüren und musste, mit tätiger Hilfe oder zumindest Billigung Seehofers, als Finanzminister zurücktreten. Nun erhebt die FDP Anspruch auf diesen Posten. Doch Seehofers Hauptpatient bleibt die nach der Wahlniederlage verunsicherte einstige Staatspartei CSU.

"Ich will dieser Koalition in Berlin vermitteln, dass die Koalition aus drei Parteien besteht", sagt Seehofer. Der erste Test dafür sind die Verhandlungen zur Erbschaftsteuer, bei denen sich die CSU querstellt. "Warum soll allein der Tod eines Menschen eine Steuerpflicht auslösen, wenn die Familie weiter in dem Haus wohnt und es als Wohneigentum nutzt?" fragt Seehofer.

Es sind kraftvolle Sätze. Worte, auf die die CSU längst wartet. Seehofer sitzt in der Gaststätte des bayerischen Landtags. In der Ecke hängt ein Kreuz, und der Mann, der noch Landwirtschaftsminister, bald aber Ministerpräsident ist, der schon als Parteichef agiert, obwohl er erst am Samstag dazu gewählt wird, zerpflückt eine Brezel. "Mein Regierungsmotto ist ,Leben und leben lassen'. Die Menschen wollen größtmögliche Freiheit in ihrer privaten Lebensgestaltung, auch wirtschaftlich", sagt er. "Aber sie wollen einen starken Staat bei der Daseinsvorsorge."

Ist er da wieder, Horst Seehofer, der Sozialromantiker von einst, der Gegenspieler Angela Merkels im leidenschaftlich geführten Streit um die Gesundheitsreform? "Die kleinen Leute sind meine Lebensversicherung", hat er einmal gesagt. Seehofer winkt ab. Natürlich stimmt der Satz, nur das Etikett, das ihm alle deshalb anheften, ist ihm zu simpel.

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