0 Bewertungen
20.02.2008 
Skandal erreicht Politik

Bayerns Datenwächter Betzl nach Steuerrazzia suspendiert

Die Steueraffäre erreicht politische Kreise: Der oberste bayerische Datenschützer Betzl ist ins Visier der Ermittler geraten. Der Spitzenbeamte beklagte in den vergangenen Jahren häufig Datensammelwut und ungebremste Wissbegier der Behörden. Nun geht es um Betzls eigene Daten: Bankunterlagen aus Liechtenstein.

Der Bayerische Landesbeauftragte für den Datenschutz, Karl Michael Betzl. Foto: dpaLupe

Der Bayerische Landesbeauftragte für den Datenschutz, Karl Michael Betzl. Foto: dpa

HB MÜNCHEN. Bayerns oberster Datenschützer Karl Michael Betzl lässt wegen der Liechtenstein-Steueraffäre seine Amtsgeschäfte ruhen. Landtagspräsident Alois Glück (CSU) erklärte am Mittwoch in München, Betzl habe ihn über einen Besuch der Steuerfahndung bei ihm zu Hause und im Büro informiert. Die Entscheidung sei einvernehmlich getroffen worden.

Betzls Name sei auf der CD mit Kundendaten Liechtensteiner Banken gespeichert gewesen, berichtet die Münchner „Abendzeitung“. Der 60-Jährige ist seit 2005 bayerischer Datenschutzbeauftragter. In dieser Funktion ist er dem Landtag zugeordnet. Der Datenschützer widersprach nach den Besuchen der Steuerfahndung in seiner Wohnung und dem Büro dem Verdacht der Steuerhinterziehung, sagte Landtagspräsident Glück. Die federführenden Staatsanwälte in Bochum wollten sich auch in diesem Fall noch nicht zu Ermittlungen äußern. Betzls Ehefrau ist nach übereinstimmenden Medienberichten ebenfalls Beamtin – und zwar beim Bundesnachrichtendienst (BND), der Informationen über die Steuersünder angekauft hatte. Der BND wollte dies auf Anfrage nicht bestätigen.

Pikantes Detail der Affäre ist nach Spiegel-Informationen der Job seiner Ehefrau: Sie arbeitet als Referatsleiterin beim Bundesnachrichtendienst (BND). Ihr Deckname: Melanie Rengstorf. Ein BND-Sprecher wollte auf Anfrage des Handelsblatts nicht bestätigen, das Betzls Ehefrau Referatsleiterin beim BND in Pullach ist. Auch zum Tarnnamen Melanie Rengstorf wollte er nichts sagen. Vorwürfe aus der liechtensteinischen Regierung, der Nachrichtendiesnt habe zum Verrat von Geschäftsgeheimnissen angestiftet, wies der BND-Sprecher jeodch zurück: "Hier handelte es sich um einen klassischen Selbstanbieter, damit erübrigt sich die Frage nach einer Anstiftung". Der BND habe sich in dem Verfahren völlig korrekt verhalten und könne den Profilierungsversuchen einiger Rechtsanwälte entspannt entgegensehen, sagte der Sprecher dem Handelsblatt.


» datenschutz-bayern.de: Karl Michael Betzl über Karl Michael Betzl


Als oberster bayerischer Datenschützer kämpft Karl Michael Betzl unermüdlich für den Erhalt der Privatsphäre. Im juristischen Fachjargon heißt das: „Recht auf informationelle Selbstbestimmung“. Der 60 Jahre alte Spitzenbeamte beklagte in den vergangenen Jahren häufig Datensammelwut und ungebremste Wissbegier der Behörden. Nun geht es um Betzls eigene Daten.

Der promovierte Jurist und Diplomkaufmann begann seine Karriere als bayerischer Beamter 1974 im Finanzministerium. 1982 wechselte er als Justiziar in den Landtag. Seit Anfang 2006 ist er Datenschutzbeauftragter. „Ich möchte gerne, dass die Leute sagen: My home is my castle, mein Zuhause ist mein Reich – und das geht den Staat nichts an. Und wenn Du, Staat, etwas darüber wissen willst, dann musst Du schon eine wirklich gute Begründung dafür haben“, sagte der gebürtige Schwabe vor seinem Amtsantritt.

Seit Montag durchsuchen Steuerfahnder bundesweit Banken, Privatwohnungen und Büros. Begonnen hatten die Aktionen vergangene Woche mit einer Razzia beim mittlerweile zurückgetretenen Postchef Klaus Zumwinkel in Köln und Bonn. Zumwinkel haben die Staatsanwälte im Verdacht, rund eine Million Euro hinterzogen zu haben. Den Ermittlern liegen nach Angaben der Bundesregierung die Daten von über 1000 mutmaßlichen Steuersündern vor. Die Daten stammen aus Liechtenstein und wurden vom BND für 4,2 Millionen Euro von einem Informanten gekauft.

Indes wird der Ton zwischen Deutschland und Liechtenstein immer schärfer. Vor dem heute geplanten Besuch von Ministerpräsident Otmar Hasler bei Bundeskanzlerin Angela Merkel warf SPD-Chef Kurt Beck dem Fürstentum eine „moderne Form des Raubrittertums“ vor.


» Gewusst wie: Die steuerliche Selbstanzeige


Lesen Sie weiter auf Seite 2: „Die deutsch-teutonische Ausdrucksweise wird in unserem Land nicht sehr geschätzt“

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterBildergalerien

zurück
  • Finanzkrise: Nationale Notprogramme

    Finanzkrise: Nationale Notprogramme

    Der Vertrauensverlust in der internationalen Finanzwirtschaft zwingt die Politik zu umfangreichen Rettungsaktionen: Mit einem in der deutschen Nachkriegsgeschichte beispiellosen Rettungspaket in Höhe von 470 Milliarden Euro will die Bundesregierung die einheimische Fi...Bildergalerie 

  • Wie die Eurogruppe auf die Finanzkrise ...

    Wie die Eurogruppe auf die Finanzkrise reagiert

    Die 15 Staaten der Eurogruppe einigten sich am Wochenende auf gemeinsame Schritte, die zur Bewältigung der Finanzkrise von den Einzelstaaten umgesetzt werden sollen. Welche das sind, lesen Sie hier.Bildergalerie 

  • Jörg Haider: Die Ikone der Rechten

    Jörg Haider: Die Ikone der Rechten

    Eben haben sie noch ihren Wahlerfolg gefeiert, jetzt herrscht tiefe Trauer: Mit dem plötzlichen Unfalltod von Jörg Haider hat Österreichs Rechte ihre Führungsfigur verloren. Der Rechtpopulist war einer der schillerndsten und umstrittensten Politiker Europas. Das Leben ...Bildergalerie 

vor

 

 

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Wer soll vom Rettungspaket Gebrauch machen?  Artikel in Merkliste

13.10.2008, 11:21 Uhr von Frank M. Drost

Nun hat das deutsche Rettungspaket für die Finanzbranche also einen Namen: „Finanzmarkstabilisierungsfonds“ hat die Regierung den Plan getauft, in dem die finanziellen Hilfen in Höhe von 470 Mrd. Euro gebündelt sind und der im parlamentarischen Schweinsgalopp noch in dieser Woche verabschiedet werden soll. Kommentar

Handelsblatt-Kommentar

Bankenerblastfonds  Artikel in Merkliste

13.10.2008, 18:17 Uhr von Thomas Hanke

Eine gigantische Summe, die der Bund da ins Schaufenster gelegt hat. Möglicherweise wird nur ein Bruchteil davon zahlungswirksam. Mit Sonderfonds hat die Bundesrepublik jedenfalls schon einige Überraschungen erlebt. Kommentar