Beck wird der elfte Vorsitzende nach dem Krieg
Seit Brandt häufen sich die Rücktritte der SPD-Chefs

Der Rückzug von Matthias Platzeck aus der Parteispitze ist nicht das erste spektakuläre Ausscheiden aus dem Amt des SPD-Vorsitzenden. Vor ihm haben seit Kriegsende mehrere Parteichefs der SPD vor Ablauf ihrer Amtszeit den Hut genommen.

HB BERLIN. Allerdings ist Platzeck der erste, der aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten ist. Bei allen anderen war der Schritt ausnahmslos politisch begründet.

Kurt Schumacher
Der in der Nazi-Zeit verfolgte frühere Reichstagsabgeordnete wurde 1946 erster SPD-Vorsitzender der Nachkriegszeit. Er hatte im Ersten Weltkrieg einen Arm verloren, 1948 musste ihm nach schwerer Krankheit auch ein Bein amputiert werden, so dass er seine politische Arbeit nur schwerbehindert fortsetzen konnte. Schumacher profilierte die SPD als Oppositionsführer gegen die Adenauer-Regierung. Er starb am 20. August 1952 im Alter von 56 Jahren.

Erich Ollenhauer
Zu seinem Nachfolger wurde der aus Magdeburg stammende Ollenhauer gewählt. Im so genannten „Ollenhauer-Plan“ forderte er statt der Militärbündnisse NATO und Warschauer Pakt ein gesamteuropäisches Sicherheitssystem mit einem wiedervereinigten Deutschland als Kern. In seine Amtszeit fällt auch die Verabschiedung des Godesberger Programms, mit dem die SPD 1959 ideologischen Ballast abwarf. Am 14. Dezember 1963 erlag Ollenhauer im Alter von 62 Jahren einer langen, schweren Krankheit.

Willy Brandt
Der dritte und wohl bedeutendste SPD-Vorsitzende in der Geschichte der Bundesrepublik war auch der mit der längsten Amtszeit: Brandt stand von 1964 bis 1987 an der Spitze der Sozialdemokraten. Der ehemalige Journalist, der die Kriegszeit im norwegischen und schwedischen Exil verbracht hatte, war seit 1961 Regierender Bürgermeister von Berlin. In der großen Koalition des CDU-Politikers Kurt Georg Kiesinger war er ab 1966 Bundesaußenminister und Vizekanzler. 1969 wurde Brandt als erster Sozialdemokrat Bundeskanzler. Er prägte als Regierungschef der sozialliberalen Koalition vor allem die Versöhnung mit dem Osten, für die er 1971 den Friedensnobelpreis erhielt.

1974 trat Brandt wegen der Affäre um den DDR-Spion Günter Guillaume als Kanzler zurück, blieb aber Parteichef. Am 23. Mai 1987 gab er den Parteivorsitz ab, nachdem die von ihm betriebene Berufung der parteilosen Journalistin Margarita Mathiopoulos zur Pressesprecherin gescheitert war.

Hans-Jochen Vogel
Seine Nachfolge trat der frühere Münchner und Berliner Bürgermeister Vogel an, der zu der Zeit schon Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion war. Dem ehemaligen Bundesjustizminister gelang es, die widerstreitenden Parteiflügel zusammenzuführen. Nach der SPD-Niederlage bei der Bundestagswahl Ende 1990 kündigte er seinen Rückzug an.

Björn Engholm
Neuer Vorsitzender wurde im Mai 1991 der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Engholm. Der frühere Bildungsminister im Kabinett Schmidt trat am 3. Mai 1993 von allen politischen Ämtern zurück, nachdem ihm in der Affäre um den CDU-Politiker Uwe Barschel eine Falschaussage vor dem Untersuchungsausschuss des Landtages vorgeworfen worden war.

Rudolf Scharping
Im Juni wählte ein SPD-Parteitag den rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Scharping zum neuen Vorsitzenden. Er hatte sich zuvor im ersten Mitgliederentscheid zu dieser Frage gegen Schröder und die Parteilinke Heidemarie Wieczorek-Zeul durchgesetzt. Als Kanzlerkandidat verlor Scharping 1994 gegen Helmut Kohl. Im November 1995 musste er sich dem überraschend als Gegenkandidat angetretenen Oskar Lafontaine geschlagen geben.

Oskar Lafontaine
Der saarländische Ministerpräsident begeisterte die Delegierten mit einer Aufbruchrede und führte die Partei daraufhin quasi von der Bundesratsbank aus. Lafontaine blieb zunächst auch SPD-Vorsitzender, nachdem Schröder 1998 Kanzler geworden war. Als Finanzminister überwarf er sich aber mit diesem und trat am 11. März 1999 überraschend von allen Ämtern zurück. Schröder wurde daraufhin am 13. April 1999 auch zum Parteichef gewählt.

Gerhard Schröder
Trotz teils scharfer Kritik an seiner Reformpolitik erhielt Schröder bei Wahlen zum Parteivorsitz passable Ergebnisse. Am 6. Februar 2004 kündigte er - auch zur Überraschung der Parteibasis - an, den Posten nach fünf Jahren an Müntefering abzutreten. Er begründete dies vor allem mit Mangel an Zeit. Sie reiche nicht aus, das Regierungsamt auszuüben und zugleich die Reformagenda 2010 SPD und Öffentlichkeit näher zu bringen. Diese „sehr schwierige Vermittlungsarbeit“ könne „der Franz besser als ich“.

Franz Müntefering
Im März 2004 zum Vorsitzenden gewählt, verkörperte Müntefering für die Parteibasis den ehrlichen Kärrner, der die SPD wieder flott macht, um Schröder das Regieren zu erleichtern. Der Sauerländer zeichnete sich dadurch aus, dass er kein Blatt vor den Mund nahm und den Parteimitgliedern die dringende Notwendigkeit sozialpolitischer Reformen vor Augen führte. Müntefering trat zurück, nachdem der Parteivorstand Anfang November 2005 statt seines Kandidaten Kajo Wasserhövel die Parteilinke Andrea Nahles für das Amt des Generalsekretärs nominierte.

Matthias Platzeck
Am 15. November 2005 mit 99,4 Prozent zum Parteivorsitzenden gewählt, galt der 52-jährige Platzeck den Genossen als Hoffnungsträger, der der SPD endlich über einen längeren Zeitraum Halt und Kontinuität verschaffen sollte. Politisch hoch begabt, aber erst seit 1995 Parteimitglied, stellte sich der brandenburgische Ministerpräsident mit großem Elan und Arbeitseinsatz der neuen zusätzlichen Aufgabe. Am (heutigen) Montag erklärte Platzeck nach zwei Hörstürzen sowie Kreislaufstörungen und einem Nervenzusammenbruch „auf dringenden ärztlichen Rat“ seinen Rücktritt.

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