Beförderungen lösen Dankbarkeit und Groll aus
Das aufsässige Amt

Jürgen Chrobog soll es richten. Im Europasaal des Auswärtigen Amts geht der Staatssekretär ans Pult. Krisenmanagement im 21. Jahrhundert ist sein Thema. Wie immer trägt Chrobog besonnen und ruhig vor. Die Rede ist kein ganz großer Wurf, aber das hatte auch niemand erwartet. Ohnehin entspricht Chrobog stark dem Image, dass Deutsche landläufig mit einem Diplomaten verbinden: schlank, sehr korrekt gekleidet, verschwiegen, loyal und solide.

Alltag im Auswärtigen Amt also. Aber dass es in der Veranstaltung mit dem George Marshall Center ausgerechnet um Krisenmanagement geht, scheint symptomatisch in diesen Tagen: Seit Wochen betreibt das stolze Amt am Werderschen Markt nichts anderes – allerdings nicht in der fernen Welt, sondern an der nahen medialen Heimatfront. Von einer „tiefen Krise“ spricht ein ehemaliger hoher Mitarbeiter angesichts der Vorwürfe in der Visa-Affäre. „Zerrissen“, „gespalten“, „kopflos“ bezeichnen einzelne Diplomaten den Zustand in ihrem Haus. In der Hauspostille „AA intern“ liefern sich ansonsten zurückhaltende Beamte Leserbriefschlachten zu der Frage, ob die Ministeriumsspitze richtig mit dem Gedenken für verstorbene Diplomaten umgeht.

Für Oppositionspolitiker wie Friedbert Pflüger (CDU) oder Werner Hoyer (FDP) ist klar, wer daran Schuld hat: Hausherr Joschka Fischer selbst, mittlerweile nach Hans-Dietrich Genscher dienstältester Außenminister der Bundesrepublik Deutschland. Erst habe der Grüne durch die laxe Visa-Praxis nach 2000 jene Missstände herbeigeführt, die die Opposition im Visa-Untersuchungsausschuss aufklären will. Zuletzt habe er durch ungeschicktes Vorgehen in der Nachruf-Praxis für verstorbene Diplomaten, die NSDAP-Mitglied waren, den Riss im Haus weiter vertieft. Offen wird sein Rücktritt gefordert. Der sonst so besonnene FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt hat die rund 8 000 Mitarbeiter gar zum offenen Widerstand aufgerufen.

Nun sind Risse in Bundesministerien nichts Neues. Das liegt schon daran, dass alle Parteien die Neigung haben, in den von ihnen kontrollierten Ministerien eine aktive Personalpolitik zu betreiben. Und kein Ministerium wurde bis 1998 so lange von einer Partei, nämlich der FDP, dominiert wie das Auswärtige Amt.

Doch weil die Diplomaten schon aus Tradition ausgeprägten Korps-Geist pflegen, waren die Breite und Heftigkeit der Proteste überraschend. Erst schalteten 100 ehemalige Beamte Anzeigen gegen die Änderung der Nachrufpraxis. Dann folgte der Protest des noch aktiven Botschafters in der Schweiz, Frank Elbe. Und der frühere Botschafter in Moskau, Ernst-Jörg von Studnitz, warf Fischer vor, in der Visa-Politik „grüne Ideologie in praktische Politik umgesetzt“ zu haben. „Der Unmut ist sehr groß“, meint Hoyer.

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