„Befreite Gebiete“
Syriens Opposition ringt um Einfluss

Im Westen streitet man darüber, was gefährlicher ist: Militärhilfe für die Rebellen oder das Festhalten an einer politischen Lösung. Die Opposition kämpft derweil verzweifelt gegen ihre Machtlosigkeit an.
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GaziantepDas Telefon von Mohammed Sarmini klingelt an diesem sonnigen Frühlingstag so häufig, dass er den Ton abgeschaltet hat. Erst kündigt sich eine schwedische Parlamentarier-Delegation an. Dann erreicht den syrischen Oppositionspolitiker ein Hilferuf aus der Provinz Al-Hassake, wo medizinische Hilfsgüter fehlen.

Sarmini (29) hat bis zum Beginn des Aufstandes gegen Präsident Baschar al-Assad in Kuwait gearbeitet, als Manager und Leiter einer kleinen Firma für Internethandel. Der Syrische Nationalrat (SNC), ein von den Muslimbrüdern dominierter Zusammenschluss Oppositioneller, hat ihn zum Leiter seines Büros in Gaziantep gemacht, einer türkischen Stadt, 50 Kilometer von der syrischen Nordgrenze entfernt. In dem erst vor wenigen Tagen eingerichteten Büro riecht es nach frischer Farbe. Auf dem Rahmen des Flachbild-Fernsehers klebt noch die Plastikverpackung.

Syriens Opposition ist mit der Verwaltung der sogenannten befreiten Gebiete überfordert. Das liegt nicht nur daran, dass Raketenangriffe der Regierungstruppen jeden Anschein von Normalität unmöglich machen, sondern auch an mangelnden Finanzmitteln. Beamte erhalten kein Gehalt. Plünderer terrorisieren die Bevölkerung. Den Bäckereien fehlt Mehl. Doch wenn es den Oppositionsgruppen nicht schnell gelingt, die Lebensbedingungen der Menschen in Aleppo, Idlib und Deir as-Saur zu verbessern, wird sie bald niemand mehr ernst nehmen. Davon würden dann wohl vor allem lokale Anführer profitieren - und die Brigaden der militanten Islamisten.

Zwei Häuser weiter residiert seit zwei Tagen der lokale Repräsentant der Nationalen Syrischen Koalition. Hier hängt noch kein Schild an der Tür. Ein Techniker ist gekommen, um im Büro des Direktors den Fernseher anzuschließen.

Die Koalition ist ein breiteres Bündnis, dem auch der SNC angehört. Ihr Vorsitzender Muas al-Chatib hat im März wegen interner Querelen seinen Rücktritt angekündigt. Angeblich will der moderne Prediger aus Damaskus nun aber doch im Amt bleiben.

Der Repräsentant der Koalition in Gaziantep, Jassir al-Sakri, kann nicht verstehen, weshalb sich die USA und die Europäer nicht dazu durchringen können, die von den Rebellen kontrollierten Gebiete vor Luftangriffen zu schützen.

Die Sorge westlicher Geheimdienste vor einer indirekten Stärkung islamistischer Terroristen in Syrien kann der biedere Geschäftsmann nicht nachvollziehen: „Soweit ich weiß, sind Patriot-Raketen, wie sie hier von der Nato zum Schutz des türkischen Grenzgebietes stationiert worden sind, reine Defensivwaffen. Was die salafistischen Brigaden viel mehr stärken wird, ist die Untätigkeit des Westens. Denn diese Gruppen haben in den vergangenen sechs Monaten einen riesigen Zulauf erhalten und mehrere Waffenlager der syrischen Armee erobert.“

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  • hmm, da fragt man sich natürlich, wer ist schlimmer?

    Das alte System, oder die (von Amis bezahlten Rebellen, die ihre Kämpfer oft aus den saudischen Reihen rekrutiert haben).

    Sind die befreiten Gebiete nun befreit, oder in Wirklichkeit unter ein anderes Terror-Regiem gefallen? Aber wie dem auch sei, es lenkt gut von der EU-Krise ab. EU-Land hat inzwischen sooo viel Einfluss auf die Weltpolitik, dass Asien udn Wallstreet zittern, wenn EU-Land eine Erkältung hat.

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