52 Bewertungen ***
19.11.2008 
KFZ-Steuer

„Begünstigung von Dienstwagen muss weg“

von Heike Anger

Steuerbefreiung für alle neu zugelassenen Autos, Abwrackprämien für ältere Autos, Steuergutschriften beim Kauf von Neuwagen – wie die Autoindustrie gestützt werden kann, dazu gibt es derzeit viele Pläne. Nur nicht die richtigen, findet der Präsident des Umweltbundesamtes, Andreas Troge.

Der Staat muss jetzt sagen, wo es bei der KFZ-Steuer künftig langgeht, meint der Chef des Bundesumweltamtes Andreas Troge. Foto: apLupe

Der Staat muss jetzt sagen, wo es bei der KFZ-Steuer künftig langgeht, meint der Chef des Bundesumweltamtes Andreas Troge. Foto: ap

Herr Troge, wer bis Mitte 2009 ein neues Auto kauft, soll für ein Jahr von der Kfz-Steuer befreit werden. Für Autos in den Schadstoffklassen Euro-5 und -6 soll die Befreiung sogar für zwei Jahre gelten. Dieser Teil des Konjunkturprogramms der Bundesregierung dürfte Sie wenig freuen.

In der derzeitigen Lage ist es sicherlich richtig, erst den Brand zu löschen, dann nach den Brandursachen zu suchen und diese dann zu bekämpfen. Kurzfristig den Auto-Absatzstau auflösen zu wollen, mag also als erste Maßnahme sinnvoll erscheinen. Der Umweltschutz wird so aber natürlich ausgeblendet: Steuervergünstigungen kommen Käufern von Spritschluckern genauso zugute wie Käufern sparsamer Kleinwagen. Außerdem profitieren großvolumige Diesel-PKW wegen der höheren Steuerersparnis eher als Benzin-PKW, was sowohl angesichts der hohen Kohlendioxid- als auch hohen Stickstoffoxidemissionen nachteilig ist. Mittel- und langfristig muss es um den Bau weniger umweltbelastender Fahrzeuge gehen. Und der wird auf diese Weise nicht gefördert.

Es gibt die Forderung, der Umweltschutz müsse in Zeiten der Finanzkrise hinter dem Kampf gegen die Rezession zurückstehen. Was entgegnen Sie?

Das ist falsch. Zumal das gewählte Instrument der KFZ-Steuer äußerst ungenau ist. Gerade bei Autos haben wir einen hohen Importanteil. Das bleibt komplett unberücksichtigt. Die Steuerbefreiung wird bei der Neuzulassung wirksam – egal aus welchem Land das gekaufte Fahrzeug stammt. Dass nun gerade der Absatz deutscher Modelle angekurbelt wird, das sehe ich nicht.

Einige Experten sind der Meinung, dass die Effekte bei Umstellung der KFZ-Steuer verpuffen werden, weil niemand wegen einer Steuerersparnis von rund 100 Euro einen Neuwagen kaufen wird.

Die KFZ-Steuer kann ein wirksames Instrument sein, um den Absatz in eine umweltfreundliche Richtung zu lenken, indem schadstoffarme Modelle besser gestellt werden. Um die Nachfrage anzuschieben, dazu taugt es nicht. Es gibt keinen solchen Hau-Ruck-Effekt! Und Vorschläge, ein Kreditprogramm für den Autokauf aufzulegen, sind angesichts der Subprimekrise als Ursache allen Übels sicherlich der falsche Pfad.

Diskutiert werden auch Abwrackprämien für ältere Autos. Halten Sie solche Prämien für sinnvoll?

Ja, bei Fahrzeugen, die zehn Jahre alt oder älter sind. Allerdings müssten diese zu einem bestimmten Stichtag mindestens zwei Jahre in Deutschland zugelassen sein. Sonst haben wir hier einen Zustrom alter Autos aus dem Ausland. Wichtiger wäre jedoch, die steuerliche Begünstigung von Dienstwagen endlich abzuschaffen. Der Staat finanziert damit große und meist umweltschädliche Automodelle mit.

Wie sähe die KFZ-Steuer denn aus, wenn Sie sie gestalten könnten?

Vor allem müsste eine Förderung der verbrauchsarmen Fahrzeuge her – und zwar auf europäischer Ebene. Hier gibt es wegen manch merkantilistischer Bestrebungen einzelner Länder bislang einen Flickenteppich. Letztlich ist es doch so: Es gibt einen Vorschlag der EU-Kommission, dass der Kohlendioxid-Ausstoß neuer PKW’s spätestens 2012 nur noch 120 Gramm pro Kilometer betragen darf. Für Fahrzeuge, die diesen Ausstoß nicht überschreiten, sollte ein europa-einheitlicher Regelsteuersatz gelten. Alle, die darüber liegen, sollten höher besteuert werden. Allerdings brauchen Hersteller und Käufer jetzt ein Signal, womit sie bei der KFZ-Steuer rechnen können. Der Staat muss sagen, wo es künftig langgehen wird. Die Krise bietet hier die Chance zur Umstellung.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

Blogkommentare zu diesem Artikel

weiterBildergalerien

zurück
  • G8-Gipfelorte: Inseln, Festungen, P...

    G8-Gipfelorte: Inseln, Festungen, Paläste

    G8-Gipfel sind nicht ohne Demonstranten denkbar. 1999 fand der letzte „normale“ Gipfel statt – in Köln. Seither igeln sich die Staatschefs an schwer zugänglichen Orten ein. Ein Rückblick.Bildergalerie 

  • Große Koalition: Bilanz mit Schönhe...

    Große Koalition: Bilanz mit Schönheitsfehlern

    Die Finanz- und Wirtschaftskrise bestimmt die Tagesordnung des Parlaments seit bald einem Jahr - und hat mit dazu beigetragen, dass die Große Koalition mehr Gesetze beschlossen hat als einst die Regierung von Kanzler Gerhard Schröder in der Legislaturperiode ...Bildergalerie 

  • Bundestagswahl: Parteien in der Nac...

    Bundestagswahl: Parteien in der Nachwuchsfalle

    Der Bundestag kommt heute zum letzten Mal vor der Sommerpause zusammen. Wenn sich die neu gewählten Parlamentarier im Oktober erstmals versammeln, werden einige altbekannte Gesichter fehlen. Insgesamt 109 Abgeordnete hören auf – darunter viele Experten auf wi...Bildergalerie 

vor

 

 

Vorhersage Deutschland

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Steinbrücks schlechte Bad-Bank-Tricks  Artikel in Merkliste

03.07.2009 von Peter Köhler

Mit den Bad Banks sollten vor allem die öffentlich-rechtlichen Institute ihre Bilanzen entgiften und danach ihre „sauberen“ Kernbanken zu schlagkräftigeren Einheiten formieren. Doch das Bad-Bank-Modell des Bundes für die Landesbanken ist schon vor dem Start zum Scheitern verurteilt. Kommentar

Handelsblatt-Kommentar

Schweizer Eigentore  Artikel in Merkliste

03.07.2009 von Torsten Riecke

Die Schweiz hat ein echtes PR-Problem. Das Bild des Schweizer Bundespräsidenten Hans-Rudolf Merz, der sich dem deutschen Finanzminister Peer Steinbrück beugt, ist in Erinnerung geblieben. Es war nicht der letzte Fauxpas des Schweizers. Kommentar

Handelsblatt Marktplatz

Wollen Sie möglichst viel Geld vom Finanzamt zurück? Die KONZ Steuersoftware mit 1000 ganz legalen Steuertricks hilft Ihnen dabei. Weiter